Vorher.

Ich bin nervös.

Dieses Gefühl sucht mich jedes Mal heim, wenn ich auf Reisen gehe. Am Anfang ist es eine tolle Idee, dann werde ich langsam unsicher, und kurz bevor ich gehe drehe ich vollkommen durch. Ich mache mir Sorgen, dass ich es nicht schaffen könnte, dass ich nach zwei Wochen wieder zuhause bin, dass ich die Reise nicht alleine antreten sollte. Ich habe Angst, die Menschen um mich herum zu enttäuschen, allen voran mich selbst. Seit ich denken kann, wollte ich immer in die Welt ziehen und mein eigenes Abenteuer erleben. Was ist, wenn ich nicht mal meine eigenen Anforderungen erfüllen kann?

Was ich vor ein paar Monaten vollkommen unterschätzt habe, sind die vielen Verabschiedungen. Bald muss ich ohne all die Menschen klarkommen, die bisher den sicheren Rahmen meines Lebens abgesteckt haben. Sie sind zwar nicht aus der Welt – aber um die Ecke eben auch nicht mehr. So geht es mir auch mit Jasmin. Sie ist einer der Menschen, die plötzlich in dein Leben treten und dir das Gefühl geben, du hättest sie schon immer gekannt. Ein paar Wochen vor Reisebeginn treffen wir uns in Freiburg und laufen eine Weile durch die Altstadt. Irgendwann führt uns unser Weg auf den Schlossberg. Wer sich in Freiburg auskennt weiß, dass dort nicht nur das jährliche Schlossbergfest stattfindet, sondern man vom Turm aus auch den besten Blick über die Stadt hat. Und obwohl er praktisch direkt im Zentrum liegt, habe ich bereits auf dem Weg dorthin das Gefühl, eine andere Welt zu betreten.

Als wir schließlich die 153 Stufen hinter uns gebracht haben, habe ich das Gefühl, nach langer Zeit endlich wieder durchatmen zu können. Vor unseren Füßen erstreckt sich Freiburg, während dahinter langsam die Sonne hinter dem Horizont verschwindet und alles in ein warmes Licht hüllt. Von hier aus wirkt alles so klein, die Häuser, die Menschen, sogar das Münster wirkt nicht mehr so mächtig. Hier oben ist man zwar noch Teil dieser Welt dort unten, aber gleichzeitig auch losgelöst. Ich merke, wie sehr ich das hier gebraucht habe: Abstand.

Genau das ist auch der Grund, warum ich diese Reise antreten will. Für mich ist der Punkt gekommen, die Sicherheit des Alltags gegen dieses Gefühl einzutauschen, das ich oben auf dem Schlossbergturm spüre: diese Freiheit, dieses Loslassen, diese Sehnsucht nach dem, was hinter dem Horizont liegt. Ich will das Leben spüren. Egal wie weit ich komme, egal wie lange ich letztendlich unterwegs sein werde, ich muss diese Reise machen. Und dabei geht es nicht darum irgendwelche Erwartungen zu erfüllen – es geht einzig und allein um mich, so egoistisch das auch ist. Und noch während ich mich gegen das Geländer lehne und auf die Stadt sehe, die mir die letzten drei Jahre ein Zuhause war, fallen die Zweifel von mir ab.

Ich habe keine Angst mehr.

2 Antworten auf “Vorher.”

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