Gramma und Grappa

Die erste Station meiner Reise liegt im Osten Deutschlands, genauer gesagt bei meinen Großeltern in Thüringen. Als ich ihnen von meinen Reiseplänen erzählt habe, beanspruchten sie direkt die erste Woche für sich. „Aber bevor du weiß Gott wohin gehst und sie dich wegklauen kommst du noch mal her, ja?“, sagt meine Oma am Telefon, und es klingt nicht wie eine Frage. Da ich sie aber sowieso mal wieder besuchen wollte, bin ich schneller als gedacht mit einer kleinen Regionalbahn auf dem Weg in die ehemalige DDR.

Für mich ist das kleine Dorf nahe der sächsischen Grenze so etwas wie eine zweite Heimat. Immerhin habe ich hier die Hälfte meiner Kindheit verbracht, wenn ich nicht gerade im Schwarzwald war. Und obwohl beides eher ländliche Gegenden sind, könnte der Unterschied kaum größer sein. Während meine Bahn gemütlich durch die Landschaft zieht habe ich das Gefühl, in der Zeit zurück zu reisen. Alles wirkt irgendwie älter, aber nicht im negativen Sinn. Die Menschen, die Dörfer, alles hier scheint schon immer so existiert zu haben und wirkt deshalb auf seltsame Art und Weise vertraut. Ein paar Plätze weiter sitzt ein älterer Herr, der plötzlich ein Bier herausholt, es öffnet und den anderen Mitreisenden mit einem „Morgens halb zehn in Deutschland“ zuprostet. In Freiburg hätte man ihn für einen unangenehm auffallenden Fahrgast gehalten, hier holt ein anderer Mitreisender eine eigene Dose aus der Tasche und erwidert die Geste. Ich schaue auf die Uhr. 9:30 Uhr. Sie haben Recht: Frühstückszeit.

Mit diesem Beispiel will ich nicht sagen, alle Thüringer wären Alkoholiker (ich wage zu behaupten, dass die Baden-Württemberger den Thüringern in diesem Punkt in nichts nachstehen). Ich will zeigen, dass die Menschen hier offener sind, wo der durchschnittliche Schwarzwälder lieber seine Ruhe hat. Das merke ich auch, wenn ich mit meiner Großmutter durch das Dorf laufe. Egal wer uns entgegenkommt, Oma kennt Namen und Lebensgeschichten gleichermaßen. Mit dieser Offenheit war Thüringen für mich immer eine ganz andere Art von Heimat, als es der Süden je sein könnte. Thüringen steht für mich für Zaungespräche mit den Nachbarn, lange Sommerabende auf der Hollywoodschaukel, die besten Pfannkuchen der Welt mit der ganzen Familie, das, was wir hier „Putzsche Lust“ nennen, wenn man sich wieder verabschiedet.

Dabei könnten gerade meine Großeltern nicht unterschiedlicher sein. Eigentlich vergeht kein Tag, an dem sie nicht über irgendetwas diskutieren. Egal ob es um den nächsten Urlaub geht, Opas Vorliebe für moderne Technik, das Auto oder ob der Motorradunfall letzte Woche in Pommern oder Gommern war (die richtige Antwort ist übrigens Haselfeld). Mein Opa sagt: „Deine Oma legt immer dieselbe Schallplatte auf, wenn wir über etwas reden.“ Meine Oma sagt: „Dein Opa hat nur dumme Ideen im Kopf.“ Ich sage: „Ihr seid beide verrückt.“

Doch trotz aller Unterschiede lieben meine Großeltern sich wie am ersten Tag. Ich glaube, sie brauchen diese Streitigkeiten, um sich daran zu erinnern, warum sie zusammengehören. Außerdem wäre es schlimmer, wenn sie sich gar nichts mehr zu sagen hätten, oder? Also lächle ich nur, wenn ich ihnen wieder Mal gegenübersitze und sie sich in den Haaren liegen, weil Opa ein Smartphone möchte und Oma „so einen Mist nicht im Haus haben will“. Denn egal wie es ausgeht, für mich ist das hier genauso ein Stück Heimat wie die Hollywoodschaukel im Garten oder der Pfannkuchen zum Mittag.

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