One night in Denmark

Heute ist der Moment eingetreten, vor dem ich die ganze Zeit Angst hatte: ich habe keine Unterkunft.

Ich bin den ganzen Tag durch die Weiten Dänemarks gestiefelt und bin inzwischen einige Kilometer hinter Kolding angelangt. Für heute reicht es mir, aber wo soll ich schlafen? Kolding ist zu weit weg und Jugendherbergen oder Hostels gibt es in der Nähe auch nicht. In ein paar naheliegenden Dörfern mache ich mich daran, an Haustüren zu klingeln und nach einer Bleibe für die Nacht zu fragen. Etwas riskant, aber in der Regeln funktioniert es. Doch egal wo ich heute klopfe, niemand kann mich aufnehmen. Also Plan B.

Seit ein paar Jahren gibt es in ganz Dänemark sogenannte „Shelter“. Das sind kleine Holzhütten in der Natur, in denen man kostenlos übernachten kann. Bei manchen Hütten muss man aufgrund der hohen Nachfrage gerade in den Sommermonaten vorher reservieren. Meist findet man in der Nähe eine öffentliche Toilette, die man benutzen kann. Man sollte aber keinen Luxus erwarten, denn die Unterkünfte sind wirklich nur darauf ausgelegt, ein Dach über dem Kopf zu haben. Wer also gerne campt oder wie ich kein Zelt mitgenommen hat, ist hier genau richtig. Das ich nur einen Schlafsack dabei habe, ist übrigens volle Absicht. Ich wollte mich praktisch dazu zwingen, jeden Tag aufs Neue nach einer Unterkunft zu suchen und gegebenenfalls zu improvisieren. Man merkt, Schnapsideen sind mein Spezialgebiet.

Ganz in der Nähe gibt es einige Shelters, direkt in einem kleinen Waldstück an der Küste. Als ich dort ankomme bin ich alleine, und mir wird direkt mulmig am Gedanken an diese Nacht alleine im Wald. Gott sei Dank kommen aber kurz darauf zwei junge Dänen, die die heute auch hier übernachten wollen. Alaa und Jason sind Studenten, die ein paar Tage mit dem Auto durch Dänemark fahren und dabei immer an Orten wie diesem schlafen. Wir kommen schnell ins Gespräch und enden wenig später mit ihrem Campingkocher und den gefühlt besten Nudeln der Welt vor einer der Hütten. Als es schon halb dunkel ist beschließen wir, schwimmen zu gehen. Das Meer ist nur ein paar hundert Meter von unserem Stück Wald entfernt, also gehen wir barfuß und in Badesachen runter zum Strand. Das Wasser ist eiskalt, überall sind Quallen und der Wind fegt über die Wellen – kurz gesagt, es ist wunderbar. So lebendig wie in diesem Moment habe ich mich schon ewig nicht mehr gefühlt. Irgendwann beginnt es zu regnen, und wir machen uns klatschnass und kichernd wie Kleinkinder auf den Weg zurück.

Kurz nachdem ich in meinen warmen Pullover geschlüpft bin, bricht auf einmal der heftigste Sturm los, den ich je erlebt habe. Direkt über uns tobt ein Gewitter, dass das Ende der Welt ankündigen könnte – der Himmel ist durch die Blitze taghell, die Bäume biegen sich gefährlich durch den Wind und der Donner ist ohrenbetäubend laut. Auch später in der Nacht weckt mich das Unwetter immer wieder auf. Die Hütten sind auf einer Seite offen, weshalb wir alles hautnah miterleben. Ich glaube, ich war noch nie so dankbar, nicht alleine sein zu müssen.

Am nächsten Morgen merkt man von alledem nichts mehr, der Himmel reißt sogar auf und zeigt uns ein strahlend schönes blau. Wir frühstücken gemeinsam in unserer Hütte und Alaa und Jason erzählen mir von den Eigenheiten der dänischen Sprache und seltsamen Bräuchen. Am faszinierendsten finde ich, dass in ihrer Heimat jeder, der an seinem 25. Geburtstag noch nicht verheiratet ist, von Freunden und Familie mit Zimt beschenkt und nicht zuletzt beworfen wird. Ob diese Tradition in ganz Dänemark praktiziert wird, ist mir nicht ganz klar, aber falls ich in eine Gegend kommen sollte, in der plötzlich junge Erwachsene mit dem Gewürz verfolgt werden, weiß ich jetzt Bescheid.

An dieser Stelle trennen sich leider unsere Wege. Die beiden gehen heute wieder nach Hause, mein Trip hat ja praktisch erst begonnen. Es ist interessant, wie schnell man auf solchen Reisen die unterschiedlichsten Menschen trifft. Wenn man bereit ist, auch mal den eigenen Schatten zu überspringen, eröffnen sich einem schnell vorher ungeahnte Möglichkeiten. Vor allem, wenn man mit Einheimischen spricht, hat man eine völlig andere Einsicht in ein Land und bekommt ein viel authentischeres Bild, als es jeder Reiseführer vermitteln könnte. Und wer weiß, vielleicht bilden sich dabei sogar Freundschaften fürs Leben?

  1. Nur wer sich in der Welt umschaut lernt Länder und Leute kennen. Auch manchmal bleiben Türen verschlossen,es ist so. Man sollte trotzdem den Mut nicht verlieren und nach Vorn schauen. Nur wer offen ist so wie du,Kann auch offen darüber schreiben. A&M

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