Spirit in the Sky

Bevor ich nach Kopenhagen komme sagen mir alle, ich müsste unbedingt nach Christiania. „Den Geist der Freiheit spüren“. Nun ja, während meiner Zeit in der Hauptstadt Dänemarks lerne ich den „Geist der Freiheit“ nicht nur kennen, ich lebe praktisch mit ihm zusammen.

Jeder, der schon mal versucht hat, kurzfristig an eine günstige Unterkunft in Kopenhagen zu kommen, weiß wie schwer das ist. Ich habe Glück, wenn auch auf ungewöhnliche Art: ein Straßenmusiker nimmt mich bei sich auf. Sein „Haus“ ist eine selbstgebaute Gartenhütte, die hauptsächlich aus Sperrholz und alten Fenstern besteht, die Dusche ist ein Gartenschlauch, überall hängen spiritistische Symbole und Bilder und auf der Terrasse wächst das Marihuana in Gartenkübeln. Auf den ersten Blick scheint es etwas sonderbar, aber die Unterkunft ist mehr als gemütlich. Vielleicht liegt es an der Tapete mit Waldmotiv, vielleicht an der New-Age-Musik, die die ganze Zeit im Hintergrund läuft, vielleicht ist es aber auch die Hand der Fatima, die über meiner Matratze hängt: ich fühle mich wohl.

Christiania ist eine Freistadt mitten in Kopenhagen, in der mehr als 900 Menschen ihrem alternativen Lebensstil nachgehen. Aus Sicht der Behörde handelt es sich um eine „geduldete autonome Gemeinde“. Doch auch wenn die Regierung über die Existenz dieser „Stadt innerhalb der Stadt“ gefühlt nur die Nase rümpft, der Nutzen kann nicht geleugnet werden: Neben der Statue der kleinen Meerjungfrau ist Christiania die beliebteste Touristenattraktion Kopenhagens. Vor allem die sogenannte „Pusher Street“ ist besonders bekannt, da hier offen Drogen wie Cannabis verkauft werden. Aber auch der Rest der Freistadt ist einen Besuch wert, da die bunten und oft ungewöhnlich anmutenden Gebäude einem das Gefühl geben, eine andere Welt betreten zu haben, eine Welt, die mich irgendwie an eine Mischung aus Hippiezeit und Postapokalypse-Camp erinnert.

Doch auch wenn es so klingt, als wären alle hier permanent high, die Selbstverwaltung der Freistadt funktioniert überraschend gut. Es gibt zwar keine Polizei, aber genug Regelungen, um das Leben hier so weit wie möglich zu ordnen. Man kann beispielsweise nicht einfach in Christiania auftauchen und irgendwo ein Haus bauen, denn dafür braucht man die Zustimmung des Plenums. Die Verwaltung ist dabei auf Basisdemokratie und Konsens ausgerichtet.

Ich persönlich könnte auf Dauer nicht hier wohnen, aber mir gefallen einige Ansätze. Auch mit meinem Gastgeber Christian rede ich über meine Gedanken dazu, nachdem er mir gezeigt hat, wie man auf der Hang Drum spielt. Seine Meinung dazu überrascht mich: er schüttelt nur den Kopf und sagt: „Auch die Hippies retten die Erde mit ihrer Lebensweise nicht.“ Dann erklärt er mir, wie wichtig Bildung und moderne Technologien für unsere Zukunft sind und endet schließlich in einem begeisterten Monolog über Fusionsenergie. Ich muss lächeln. Es passiert so schnell, dass man jemanden in eine Schublade steckt, selbst wenn man das gar nicht möchte. Christian ist auf den ersten Blick ein spiritistisch angehauchter Straßenmusiker, doch jetzt ist seine wissenschaftliche Denkweise unübersehbar. Er versucht, beide Seiten zu verstehen und zu verbinden, und dafür bewundere ich ihn in diesem Moment sehr.

Am Ende meines Aufenthaltes ist mir wieder einmal klar geworden, wie wichtig es ist, ein Thema von allen Seiten zu betrachten. Viele Touristen kommen nach Christiania und sehen nur die Hippies und den Drogenhandel, dabei gehört auch viel Politik und Gesellschaftskritik zu der autonomen Lebensweise, die nicht zwangsläufig mit high sein zu tun hat. Jede Medaille hat zwei Seiten, und man schnell vergessen, sich auch die andere anzusehen. Mir jedenfalls wird Christiania immer als der Ort in Erinnerung bleiben, der mich dazu anregt, auch hinter die äußeren Strukturen zu schauen. Wer weiß, was sich hinter der Fassade alles versteckt?

  1. Es wird in jeder Stadt jemanden geben der bereit ist zu helfen, man muß ihn nur ersteinmal finden.Und wie es sich zeigt hast du ihn auch gefunden. Deshalb solde man nie sagen : das gibt es nicht! Und wenn es dann noch Spaß gemacht hat, dann hat es sich auf jeden Fall gelohnt. A&M

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