Kein gutes Ende

Als ich klein war, habe ich Märchen über alles geliebt. Ich weiß noch, das meine Großeltern mir ein riesiges Buch schenkten, voll von den berühmten Geschichten, die jedes Kind kennt. Während andere Kinder draußen Fangen spielten saß ich vor meinem Buch und ließ mich von Rotkäppchen und Rapunzel in ihre Welten entführen. Nur die zweite Hälfte des dicken Sammelbandes rührte ich so gut wie nie an. Warum? Diese Seiten enthielten die Märchen von Hans Christian Andersen.

Versteht mich nicht falsch, Andersens Märchen sind nicht schlechter als die der Gebrüder Grimm. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: sie haben oft kein gutes Ende. Während mir die Geschichten der Gebrüder Grimm zeigten, dass jeder am Ende sein Glück findet, jede Prinzessin von ihrem Prinzen gerettet wird und die Guten immer gewinnen, starb das Mädchen mit den Schwefelhölzchen auf der Straße. Und obwohl Andersens Geschichten meist viel realistischer waren, als Kind wollte ich an das Gute glauben. Eine Geschichte musste einfach gut ausgehen. Das Böse konnte doch nicht gewinnen – oder?

Erst viel später fand ich gefallen an den kunstvoll erzählten Märchen Hans Christian Andersens, erst als ich selbst begriffen hatte, dass die echte Welt nun mal nicht nur aus Happy Ends besteht. Eine Geschichte sticht dabei besonders heraus: Das Märchen der kleinen Meerjungfrau. Jeder hat schon einmal von ihr gelesen oder zumindest den Disneyfilm „Ariel“ gesehen. Eine junge Meerjungfrau verliebt sich in einen jungen Prinzen und tauscht bei einer Meerhexe ihre schöne Stimme gegen Beine ein, um an Land bei ihm leben zu können. Der Stoff, aus dem die Träume kleiner Kinder gewebt werden. Kein Wunder also, dass ich hier in Kopenhagen auch die berühmte Statue der Nixe sehen will.

Als ich mich durch die Massen an Touristen gekämpft habe und sie schließlich vor mir sehe, bin ich aber enttäuscht. Sicher, sie ist wunderschön. Genauso wie man sie von den vielen Bildern kennt: ruhig und weiblich sitzt sie da und schaut sehnsüchtig hinaus aufs Meer, zu ihrer wahren Heimat. Doch egal wie friedlich sie da auf ihrem Stein vor mir sitzt, irgendetwas fehlt. Erst als ich mich aus der Menschentraube hinausgekämpft habe wird mir klar, warum ich diese Statue nicht mit der Geschichte in meinem Kopf vereinbaren kann: es ist das Ende.

Wer das Originalmärchen kennt und nicht nur „Ariel“ gesehen hat weiß, dass die kleine Meerjungfrau kein gutes Ende nimmt. Ohne ihre betörende Stimme ist sie unfähig, das Herz des Prinzen zu gewinnen, und er heiratet schließlich eine andere. Damit hat sie den Deal mit der Hexe verloren und löst sich zu Meeresschaum auf… ein tragischer Tod für ein Mädchen, das eigentlich erst 15 Jahre alt war. Die berühmte Bronzefigur von Edvard Eriksen ist zwar wunderschön, aber sie passt nicht zur Geschichte.

Was kaum einer weiß ist, dass es in Kopenhagen aber noch eine weitere Figur von Andersens Nixe gibt: direkt vor der Dänischen Königlichen Bibliothek findet man das Kunstwerk von Anne Marie Carl-Nielsen. Die „Havfrue“ zeigt das, was wir aus dem Märchen unserer Kindheit kennen: Ein junges Mädchen, das Gesicht schmerzerfüllt verzerrt, in gekrümmter Haltung. Sie vermittelt das traurige Bild einer Heranwachsenden, die ihre erste Liebe verloren hat. Doch obwohl dieses Kunstwerk viel passender ist, Touristen finde ich hier kaum.

Letztendlich wird Eriksens Bronzefigur das Wahrzeichen Kopenhagens bleiben und weiterhin täglich von dutzenden Touristen fotografiert werden, die sich nicht um das wahre Ende der kleinen Meerjungfrau kümmern. Und ich kann es ihnen nicht verübeln: Eine Geschichte ist so viel schöner, wenn sie ein glückliches Ende hat, das wusste ich schon damals als Kind. Doch auch wenn nicht jede Geschichte ein Happy End hat heißt das noch lange nicht, dass sie es nicht wert ist, erzählt zu werden.

 

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