Don’t be sentimental.

Ich bin in Malmö angekommen und habe somit Dänemark offiziell verlassen. Ehrlich gesagt gefällt mir diese Stadt hier besser als Kopenhagen: sie ist nicht so groß und willkürlich. Ab einer gewissen Größe neigen Städte dazu, zu einem unendlichen Meer der Anonymität zu werden, das einen mit jeder Welle aufs Neue verschluckt. Dort stehen einem alle Möglichkeiten offen, aber der Weg nach unten ist genauso nah wie der nach oben. In Städten wie Kopenhagen oder Berlin ist es leicht, sich zu verlieren bevor man sich überhaupt gefunden hat.

Aber es gibt noch einen Grund, warum ich Malmö mag, und das ist die Geschichte der Stadt. Im Prinzip könnte der ganze Ort aus einem Film von Monty Python stammen, und dass ist wahrscheinlich noch untertrieben. Allein schon der Name der Stadt: als Malmö vor etwa 750 Jahren gegründet wurde, stand der Name in etwa für „großer Haufen Sand“. Das kommt daher, dass die Stadt tatsächlich auf einer Sandbank in einem Sumpf nahe dem Meer gebaut wurde – einfach der perfekte Ort für eine Stadt, nicht wahr?

Wie es sich für einen neu gegründeten Ort gehört, baute man auf diesem Haufen Sand die St. Peter Kirche. Wie ihr euch vielleicht vorstellen könnt, ist dieser Untergrund nicht gerade ideal für ein solches Vorhaben, und vor allem der Turm machte den Einwohnern immer wieder Probleme. Beim ersten Mal sank er in den Sumpf ein und fiel schließlich um. Man baute ihn erneut auf, und kurze Zeit später fiel der Turm erneut. Nachdem die Einwohner Malmös ihn ein drittes Mal aufgebaut hatten, schlug ein Blitz in die Spitze ein. Glücklicherweise fand man schnell einen Schuldigen, denn eine Frau hatte im richtigen Moment auf den Turm gezeigt und war ganz offensichtlich eine Hexe – man verbrannte sie auf dem Scheiterhaufen und baute den Turm ein viertes Mal auf. Dieses Mal fingen die Holzkonstruktionen nach einer Weile an zu vermodern, weshalb die Spitze ein weiteres Mal erneuert werden musste. Als der Turm ein fünftes Mal aufgebaut worden war, blieb er auch endlich stehen! Doch nach einer Weile befanden ihn die Menschen von Malmö als hässlich, und er wurde erneut eingerissen. Was man heute sehen kann, ist also die sechste Version des Turmes.

Ein beliebtes Fotomotiv in Malmö sind die Kanäle, die die Stadt durchziehen. Früher brauchte man sie zur Verteidigung gegen die Dänen, doch da Schweden seit über 200 Jahren mit niemandem mehr im Krieg ist (übrigens ein Weltrekord), sind sie heute eher ein Postkartenmotiv. In Malmös Zeit als Industriestadt wurden die Kanäle allerdings auch für etwas ganz anderes genutzt: all der giftige Müll wurde von den großen Fabriken hineingekippt, weshalb man besser nicht in das Wasser fiel – es sei denn, man wollte an Vergiftung sterben. Tatsächlich gibt es einen Brief eines lokalen Händlers and seinen Freund, der lang und breit über seine Boote und die diesjährige Ernte schreibt, nur um den Brief mit einem „PS: My wife died yesterday; she fell in the canal“ zu beenden. Sehr sentimental.

Eine weitere sehr interessante Geschichte handelt vom Malmöer Schloss, oder besser gesagt von einer Frau, die zu den letzten Opfern der Todesstrafe in Schweden gehörte. Sie hatte ihren Ehemann ermordet und da das Schloss auch lange Zeit als Gefängnis genutzt wurde, sollte sie dort auf ihre Hinrichtung warten. Doch bevor es so weit kam, erhängte sie sich selbst in ihrer Zelle. Das ist der Punkt, an dem es seltsam wird, denn der zuständige Doktor, der ihren Tod bestätigte, nahm ihren Kopf mit nach Hause. Er steckte ihn auf eine Stange in seinem Garten und wartete, bis die Vögel das Fleisch abgefressen hatten und er den Schädel als Dekoration für sein Bücherregal verwenden konnte. Was für uns heute ziemlich absurd klingt, war damals tatsächlich erlaubt.

All diese Geschichten sind nur Beispiele dafür, wie Malmö sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat. Und auch wenn es nach einer sehr unsentimentalen und rauen Stadt klingt, heutzutage sind die Menschen Gott sei Dank etwas netter. Trotzdem zeigt die Geschichte Malmös sehr gut, das auch die netten Postkartenmotive einen Hintergrund haben – manchmal sogar einen makaberen.

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