Salz in den Haaren

Die Menschen schauen etwas verwirrt, als ich mit meinem Wanderrucksack durch den Hafen von Helsingborg irre. Wie eine Seglerin sehe ich nicht aus, eher wie ein verwirrter Teenager – was wahrscheinlich auch eher zutrifft. Nach einer gefühlten Ewigkeit gebe ich schlussendlich auf und kontaktiere Claudio, den Kapitän des Schiffes, auf dem ich angeheuert habe. Denn in der kommenden Woche werde ich per Segelschiff weiterreisen.

Als ich die kleine Yacht endlich gefunden habe, lerne ich auch direkt die Crew kennen: Claudio, stolzer Besitzer des Schiffes und mit seinem Bart auch das Abbild eines richtigen Seemannes, seine Frau Andrea, die praktisch immer ihre Kamera und ihren scharfen Blick fürs Detail dabei hat, und Max, selbst begeisterter Segler und für diese Woche extra aus Berlin gekommen. Die drei sind mir sofort sympathisch. Ich glaube kaum, dass es eine bessere Besatzung für den ersten Segeltrip meines Lebens gibt.

Am ersten Abend fahren wir noch nicht aus. Dafür werden mir die Regeln an Bord erklärt und ich lerne ein paar nützliche Knoten. Palstek, Webeleinstek, Fender: Morgen früh müssen wenigstens die Grundlagen sitzen. Ich übe so lange, bis ich den Palstek mit geschlossenen Augen hinter dem Rücken kann. Dieser Knoten ist deshalb besonders, weil sich die Schlaufe nicht zuzieht und er sich auch nach einem halben Jahr noch problemlos öffnen lässt. Damit ist er ideal um beispielsweise eine Leine an einem Poller im Hafen festzumachen oder jemanden aus dem Wasser zu holen. In dieser Nacht bin ich fast zu aufgeregt, um richtig zu schlafen. Über mir klatschen Regentropfen gegen die Fenster und meine Gedanken laufen Amok. Was ist, wenn ich morgen auf einmal nichts mehr weiß, wenn ich die ganzen Knoten und Begriffe wieder vergesse? Was, wenn ich irgendetwas falsch mache und das Schiff untergeht? Egal wie unrealistisch diese Szenarien in Wirklichkeit sind, in diesem Moment erscheint mir alles möglich. Irgendwann fallen mir doch noch die Augen zu und ich träume in dieser Nacht – Gott sei Dank – nichts.

Am nächsten Morgen geht es nach dem Frühstück auch schon los. Als ich nach draußen trete, laufen die anderen schon in dicken Latzhosen und hochgeschlossenen Öljacken über das Deck. Ich trage eine knallgelbe Bommelmütze, zwei Pullover unter einer Windjacke und eine Jeans mit Blumenmuster – Lust auf eine Runde „Finde den Anfänger“? Bevor das Schiff ablegt, muss aber noch eine Menge organisiert werden. Der Schiffsführer, in diesem Fall also Claudio, gibt die möglichst kurzen und klaren Kommandos und sagt an, in welcher Reihenfolge die Leinen losgemacht werden sollen. Dabei beginnt man praktisch mit der Unwichtigsten und arbeitet sich vor bis zur Windleine, die als letztes gelöst wird. Claudio erklärt mir, dass man vor allem einen Plan haben muss: Wie ist das Wetter, wie geht man vor, was wird passieren und was könnte passieren – beim Segeln muss man gegen alle Eventualitäten abgesichert sein. Deshalb hat Max auch vollkommen Recht als er sagt: „Können kommt von üben, nicht von lernen“.

Während die anderen die Kommandos des Schiffsführers mit einer Sicherheit ausführen, wie man sie nur durch viele Stunden auf See erlangt, stehe ich etwas ratlos daneben. Trotzdem darf auch ich eine Leine einholen. Ich konzentriere mich so sehr darauf, den Knoten nicht zu vermasseln, dass ich gar nicht richtig merke wie wir ablegen. Als ich aufschaue haben wir schon so viel Schräglage, dass ich praktisch mit der Hand die Wasseroberfläche vor mir berühren könnte. Der Wind steht heute günstig und hat dank guter Planung sofort unsere Segel erfasst, sodass wir schnell den Hafen und somit auch Helsingborg hinter uns lassen. Als ich zurückschaue, sehe ich alles kleiner werden: Die Stadt, die anderen Schiffe, die Küste Schwedens. Ich drehe mich um und sehe, wie das tiefblaue Meer leichte Wellen vor einem endlosen Horizont schlägt. Ich muss lächeln. Es geht los.

3 Antworten auf “Salz in den Haaren”

  1. Liebe J.
    Ich bin begeistert davon, dass du nun tatsächlich einen Blog über deine Reise schreibst. Habe das Gefühl, als sei es erst gestern gewesen, dass wir uns noch im zweiten Stock in einem bestimmten Büro darüber unterhalten haben. 😉
    Deine bisherigen Einträge sind toll, sie lesen sich so leicht und unterhaltsam, dass ich mich schon auf die nächsten freue!
    Herzliche Grüße aus Freiburg, Kathrin
    P.S.: Deine Wundermarmelade schmeckte sehr lecker!

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    1. Liebe Kathrin,
      ich freue mich auch, dass der Blog wirklich Realität geworden ist – unsere netten Gespräche haben auf jeden Fall dazu beigetragen, dass ich es überhaupt soweit kam. Ich hoffe, du findest auch in Zukunft Gefallen an dem, was ich schreibe 🙂
      Liebe Grüße zurück nach Freiburg!

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