Zeit für Geschichten

Heute bleiben wir im Hafen. Draußen auf See tobt ein Sturm und der Wind ist zu stark, um weiterzusegeln. Während der Regen gegen die Fenster prasselt und die Wellen am Boot reißen, sitzen wir im Warmen und vertreiben uns die Zeit mit reden. Denn wenn es eins gibt, das richtige Seefahrer neben dem Segeln noch können, dann ist das gute Geschichten erzählen. Claudio, Andrea und Max berichten von all den Abenteuern, die sie bisher erlebt haben, und ich höre gespannt zu. Griechenland, Galapagos, Tallinn – egal, von welchen Orten sie erzählen, mich packt das Fernweh. Ich selbst lese auch ein paar kurze Geschichten zu meiner bisherigen Reise vor und trage so dazu bei, dass wir das Wetter außerhalb der gemütlichen Atmosphäre unseres Schiffes für kurze Zeit vergessen.

Am Nachmittag wird es Zeit, im Ort unsere Vorräte aufzustocken. Bis auf Max stapfen alle in Ölkleidung und schweren Gummistiefeln durch das Mistwetter zum nächsten Supermarkt. Ich fühle mich, als wären wir wettergegerbte Seefahrer, die gerade von einem Walfang in ihr kleines Fischerdorf an der Küste zurückgekehrt sind – in Gedanken schreibe ich uns schon in gefährliche Abenteuer zwischen geheimnisvollen Inseln und 30 Meter hohen Wellen. Andrea holt mich aber schnell in die Realität zurück, denn sie hat etwas Interessantes entdeckt. Am Wegrand steht ein flaches Gemäuer, rechteckig mit einem Halbkreis an einer der kurzen Seiten: Die Ruine einer Kirche. Auf einer kleinen Holztafel erfahren wir mehr: Die Kirche wurde von einem blinden Fischer errichtet, der sein Augenlicht wiedererlangte, nachdem er auf diesem Boden eine verstorbene Jungfrau beerdigt hatte.

Abends lässt der Regen nach und für einen kurzen Moment sieht es danach aus, als könnte die Sonne noch durch die Wolkendecke brechen. Tatsächlich schafft Max es, uns dazu zu überreden, im Meer schwimmen zu gehen. Wenige Momente später sind wir auf dem Weg zum Strand, und der Himmel ist schon wieder grau. Trotzdem gehen alle ins Wasser, nach einigem Abwiegen sogar ich. Es ist mehr als kalt, und kurz darauf fängt es auch noch an zu regnen. Letztendlich waren wir wohl nicht mehr als 10 Minuten im Meer, und auch wenn ich kurz überlege unter die heiße Dusche im Hafen zu ziehen, Max hatte Recht: Am Ende ist man stolz, dass man sich getraut hat. Außerdem sind wir auf dem Weg zum Meer etwas Eigenartigem begegnet: Ein großer, runder Stein. Ein Infoschild verrät uns, dass vor hunderten von Jahren eine böse Königin ihre Stiefkinder auf einem Schiff fortschickte und den Kapitän bestach, sie zu beseitigen. Das Boot sank und die Kinder ertranken. Nur ihre Leichen wurden an unterschiedlichen Stellen an der Küste angespült. Der Körper der Tochter wurde laut der Legende an diesem Stein angespült, wo er dann auch gefunden wurde – von einem blinden Fischer.

Es ist schon dunkel als ich mich auf den Weg mache, um zu telefonieren. Inzwischen ist der Sturm wieder in vollem Gange, und ich suche Zuflucht in einem kleinen Holzhäuschen am Hafenbecken. Erst als ich das Gespräch beendet habe fällt mir auf, dass die Innenwände der Hütte über und über mit alten Holzschildern dekoriert, auf denen Schiffsnamen stehen, und in den Ecken stehen sogar Gallionsfiguren. Gedankenverloren lese ich die Schilder, bis ich plötzlich auf ein besonderes stoße: „Thora, Namensgeberin des Ortes“. Erst in diesem Moment wird mir klar, dass sie das Mädchen aus all den Geschichten ist, die wir heute überall verteilt gefunden haben. Der Stein, die Ruinen, jetzt dieses Schild – alles nur Teile einer einzigen Geschichte. Den ganzen Tag schon erzählen wir uns gegenseitig kleine Anekdoten und haben gar nicht gemerkt, dass wir mitten in einer viel größeren Erzählung gelandet sind. Und als ich durch den Sturm zurück zum Schiff gehe, schließt sich somit der Kreis der Legende, hier, im Hafen von Torekov.

Fotografie von Andrea. Danke!

3 Antworten auf “Zeit für Geschichten”

  1. Durch das erzählen mit anderen Leuten lernt man die Welt kennen. Denn man kan ja auch nicht überall sein. Du verstehs es zu schreiben und zu zuhören, also schreib es auf denn du kannst nicht überall sein. So können viele daran teil haben und die Welt kennen lernen auch wenn man nicht da gewesen ist. Weiter so und viel Glück auf deiner Reise. A&M

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  2. Oh man ist das so spannend😍… Ich musste gerade an das Zitat von Julia Engelmann denken: „Also los, schreiben wir Geschichten, die wir später gern erzählen.“ Du wirst nach deiner Reise eine Menge Geschichten erzählen können und ich freue mich riesig sie nicht nur hier auf deinem Blog zu lesen, sondern auch sie von dir zu hören.
    Viel Spaß noch!!❤

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    1. Das ist lieb von dir das zu schreiben! Und wie immer hat Julia Engelmann Recht – aber das weißt du ja am Besten 😉 ich freue mich auch schon riesig, mit dir Geschichten auszutauschen wenn ich wieder da bin. Denn wichtig ist nicht nur, Geschichten zu erleben, sondern sie auch mit besonderen Menschen wie dir zu teilen! ❤

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