Hoch am Wind

Wenn ich vor meinem Exkurs als lausige Nachwuchs-Piratin ans Segeln gedacht habe, hatte ich das Bild im Kopf, an das die meisten jetzt wohl denken: ein majestätisches Holzschiff, mit drei riesigen Masten und dutzenden Segeln, welche sich im Wind aufblähen. Natürlich kann es auch ein kleineres Boot sein, aber wenn man solche Laienfantasien vergleicht, findet man einen gemeinsamen Nenner: Der Wind kommt immer von hinten. Bei genauerer Überlegung kommt man schnell dahinter, dass diese Vorstellung einen Hacken hat, denn der Wind kommt nun mal nicht immer genau aus dieser Richtung. Aber wie genau segelt man dann?

Die Antwort ist genauso faszinierend wie banal: Man muss die Segel anders setzten. Heute kommt der Wind aus Nord-Nord-West, also ideal, um „hoch am Wind“ zu segeln. Dafür werden – in unserem Fall – Großsegel und Fock (das Vorsegel) so, dass der Wind im Idealfall aus einem 45° Winkel einfällt. Dadurch entsteht dieselbe Dynamik, die auch bei Flugzeugflügeln genutzt wird: Der Wind braucht auf einer Seite des Segels länger um vorbei zu kommen, als auf der anderen. Schnelle Strömungen haben einen geringeren Druck als langsamere Strömungen, wodurch auf einer Seite des Segels ein Unterdruck entsteht. So wird das Boot praktisch vom Wind gezogen, was ich persönlich einfach nur unheimlich cool finde.

Segeln ist aber nicht nur Physik, sondern auch eine Menge Gefühl. Das merke ich spätestens in dem Moment, als Claudio mir das Steuer in die Hand drückt: ich soll steuern, er passt auf. Kurz erklärt er mir, auf was ich aufpassen muss, dann habe ich das große Steuerrad auch schon alleine in der Hand. Im ersten Moment ist es ein seltsames Gefühl, aber nach kurzer Zeit habe ich mich daran gewöhnt. Wichtig ist, dass der Wind immer im richtigen Winkel auf das Segel auftrifft und man natürlich nicht vom Kurs abkommt. Mit etwas Übung spürt man, wohin das Schiff möchte, und kann vorher darauf reagieren. Im Prinzip hält man das Steuer sehr ruhig auf Kurs und korrigiert immer nur mit kleinen Bewegungen. Das Wetter heute ist ideal, und ich habe richtig Spaß dabei. Mit einer persönlichen Spitzengeschwindigkeit von 7,4 Knoten (!) fliegen wir gefühlt übers Wasser. In diesem Moment weiß ich, dass ich mein Herz an dieses Gefühl verloren habe.

Nach einer guten Stunde übernimmt Claudio wieder das Steuer. Ich bin trotzdem stolz und fühle mich wie ein richtiger Pirat. Jetzt, da nicht mehr meine ganze Konzentration gefordert ist, erklären mir die anderen, was man beim Segeln ansonsten noch beachten muss. Es gibt eine ganze Reihe an Vorfahrtsregeln, außerdem unterschiedliche Signale und sogenannte Tonnen, die Untiefen anzeigen. Außerdem navigiert man heutzutage eher selten mit Sextant und Seekarte, sondern mit GPS und Kompass. Trotzdem ist solches Wissen von essentieller Bedeutung, erklärt mir Claudio. Auch wir schauen jeden Morgen in einer Art Teambesprechung gemeinsam auf die Seekarte und besprechen den Kurs, den wir heute segeln wollen.

Alles in allem habe ich auch an diesem Tag genauso viel Spaß wie schon an den Tagen davor. Segeln ist in meinen Augen eine gute Mischung aus Physik und Gespür. Abgesehen davon gibt es kaum ein schöneres Gefühl, als draußen auf dem Meer zu sein. So weit weg von allem anderen, nichts als Wind, Wellen und das Boot unter einem. Ein Ort, an dem man einfach loslassen kann, egal was war, das hier ist eine andere Welt. Ruhiger. Einsamer. Friedlicher.

Fotografie von Andrea. Danke!

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