Als Schweden endlich schwedisch wurde

Ich muss zugeben, anfangs war ich von Schweden enttäuscht. Es ist wunderschön, keine Frage, aber irgendwie… fehlt etwas. Am Anfang ist Schweden Dänemark noch sehr ähnlich, zumindest was Aspekte wie Architektur und Ästhetik angeht. Wo sind die kleinen roten Häuschen? Wo sind die Elche? Wo ist dieses Bullerbü-Gefühl meiner Kindheit, dass ich so sehr mit Schweden in Verbindung bringe?

Erst als wir immer nördlicher kommen, begegnen wir immer mehr roten Häuschen. An dieser Stelle wird auch für mich Schweden endlich so, wie ich es von den Kalenderbildern kenne: Dichte Wälder an den Küstenstreifen, einzelne, in diesem speziellen Rotton angestrichene Häuser mit weißen Fensterrahmen, vor denen kleine Fischerboote in Buchten ruhen, und vor allem eines: die berühmten Schärengärten.

Die felsigen Inseln verwandeln die Gegend vor der Küste in eine fremde Welt. In der Eiszeit vom Innlandeis abgeschliffen, ragen sie nun flach aus dem Meer um uns herum. Manche von ihnen sind grüne, bewaldete Inseln, andere nur kahle, dafür überraschend bunte Gesteinsformationen, an denen sich die Wellen brechen. Auf manchen kann man vereinzelt Häuser ausmachen, an anderen Stellen fühlt man sich fern von jeder Zivilisation. Einige Schären sind wahre Paradise für hiesige Tierarten wie Seeadlern oder Robben. Ein Labyrinth aus kleinen Universen, denn keine Schäre gleicht der nächsten.

In dieser Nacht bleiben wir in dieser einzigartigen Umgebung und legen an einem Steg zwischen zwei Schären an. Hier und da stehen ein paar Häuser, die wahrscheinlich im Sommer als Urlaubszuflucht dienen. Jetzt, kurz vor Ende der Saison, müssen wir uns dieses Paradies nur mit ein paar neugierigen Möwen teilen. Und nachdem wir es uns an einem Tisch mit Kaffee und Haferkeksen gemütlich gemacht haben, spüre ich bereits, wie der Stress des Tages von mir abfällt. Als Andrea und ich uns in der Abenddämmerung dann auch noch aufmachen, um gemeinsam die Schäre zu erkunden, hat sich bereits ein seltsames Gefühl von Vertrautheit über alles gelegt. Es ist schon lange dunkel, als wir zum Schiff zurückkehren. Leider ist es zu bewölkt, um die Sterne sehen zu können, aber sturmfeste Teelichter und Schokolade gleichen das aus. Auch wenn ich gerne noch die ganze Nacht mit den anderen hier draußen sitzen würde, um über das Leben, diese Welt und alles dazwischen zu reden, nach einer Weile holt mich die Müdigkeit ein.

Aber noch bevor ich mich an diesem Abend in meinen Schlafsack kuschele wird mir klar, dass ich Schweden falsch angegangen bin. Ich habe ein Land erwartet, das exakt meinen film- und fernsehgetrübten Erwartungen entspricht. Natürlich besteht Schweden nicht nur aus Zimtschnecken und irritierend hübschen, lächelnden, hellblonden Menschen, die in rot angestrichenen Häuschen in Wäldern voller Elche leben. Schweden ist mehr ein Gefühl, eine Art innerer Frieden, den man so nur an wenigen Orten findet. Die Menschen sind anders als ich es aus Deutschland gewöhnt bin, irgendwie gelassener und ausgeglichener. Vor allem hier in den Schären bekommt man eine Ahnung von Weite und hat das Gefühl, wieder atmen zu können. Ich weiß nicht, was es ist, aber ich bin glücklich. Und kurz bevor ich endgültig in einen erholsamen Schlaf falle, beschließe ich, ein bisschen von dieser Einstellung mit mir zu nehmen.

Fotografie von Andrea. Danke!

5 Antworten auf “Als Schweden endlich schwedisch wurde”

  1. Ich glaube es wird vielen so ergehen in Schweden. Aber es ist prima so wie du es beschreibst. Denn Film und wirklichkeit stimmen selten überein.
    Nimm die Einstellung von den Schären auf, und behalte sie auf deiner Reise ,und für immer in Dir! A&M

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