Kontrastprogramm

Der Tag startet genau wie jeder andere: wach werden, frühstücken, den Wetterbericht checken, dann das Boot klar machen zum ablegen und nochmal mit der Crew die Route besprechen. Schließlich verlassen wir den Hafen und setzten unsere Reise fort. Es gibt nur einen entscheidenden Unterschied: heute ist mein letzter Tag an Bord.

Als wir Göteborg endlich erreichen, staunen wir alle. Bevor man den Gästehafen der Stadt erreicht, fährt man noch eine Weile durch den Kanal und kann so einen ersten Blick auf die Stadt erhaschen. Wir begegnen anderen Schiffen, sehen die ersten Häuser im nordischen Jugendstil und fahren unter riesigen Brücken hindurch. Kein Scherz, aber gleich zu Beginn werden wir von einer Gruppe tanzender Schweden begrüßt, die neben einem Kunstmuseum eine Art Flashmob aufführen. Noch bevor wir anlegen kann ich verstehen, warum Göteborg eine der schönsten Städte des Nordens sein soll.

Im Hafen, welcher auch „Lilla Bommen“ genannt wird (das bedeutet so viel wie „kleiner Schlagbaum“), finden wir den perfekten Platz zum anlegen. Auch hier merkt man, dass es bald kälter wird. Abgesehen von uns liegen nur wenige Segelschiffe an den Stegen, die im Sommer voll besetzt sein müssen. Nachdem wir einen Ankommer getrunken und einen Schluck Alkohol über Bord gekippt haben, machen wir uns bereit, um die Stadt zu erkunden. Wer sich jetzt wundert, warum wir Alkohol ins Meer schütten: Es handelt sich dabei um einen Seemannsbrauch mit dem Rasmus, der Gott der Winde, besänftigt werden soll. Rasmus kommt von Erasmus, dem Heiligen und Märtyrer, der zu den vierzehn Nothelfern gehört. Er war traditionell für die Seefahrer zuständig, und im Laufe der Jahre hat er sich im Aberglauben zu einem Gott der Meere und Winde entwickelt. Auch wenn wir heute eher an den Wetterbericht als an entzürnte Götter glauben, manche Traditionen bricht man nicht.

Nachdem Andrea und ich in Göteborg die verschiedensten Kunstwerke fotografiert haben, führt sich mich zum Posthotel. Von außen sieht das Gebäude mit der Steinfassade eher unscheinbar aus, weshalb mir die vielen Menschen in schicker Kleidung irgendwie fehl am Platz vorkommen. Sobald wir durch den Eingang treten, wird mir aber einiges klar: Was früher das örtliche Postamt war, ist heute ein hochmodernes Hotel. Alles ist in dunklen Grautönen mit Highlights aus Silber gehalten, die durch das blau-violette Licht noch hervorgehoben werden. Die Rezeption sieht aus, als bestünde sie aus geschliffenen Kristallen, und jedes Möbelstück sieht so edel aus, dass es mich wahrscheinlich ein halbes Monatsgehalt kosten würde. Von dem ursprünglichen Zweck des Gebäudes ist nur noch ein roter Briefkasten für die Schlüsselrückgabe und ein flachgewalztes Postmobil übrig, welches zur Dekoration in der Eingangshalle an der Wand hängt. Andrea grinst mich an: „Kontrastprogramm, Schätzchen!“

Im Erdgeschoss befindet sich auch eine Bar, in der wir den Rest unserer Crew treffen. Auch hier ist alles stylisch eingerichtet, und in den in Schwarzlicht getauchten Sitzecken genießt Göteborg den Freitagabend. Wir bestellen uns etwas zu trinken und rücken dann so nah wie möglich zueinander, denn in Nachtclubs wie diesen muss man sich bekanntermaßen ins Ohr schreien, um die hippen Beats des DJs zu übertönen. Ich komme mir etwas fehl am Platz vor, wie ein Eindringling aus einer anderen Welt. Nach der Ruhe und Abgeschiedenheit der letzten Tage wirkt das hier komplett ungewohnt, so laut, jung, pulsierend. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase wird es doch noch ein schöner Abend. Trotzdem bin ich froh, als wir uns ein paar Stunden später auf den Weg zurück zum Schiff machen – meine kleine Koje gefällt mir besser als jeder Nachtclub.

Als ich an diesem Abend zum letzten Mal auf der Yacht einschlafe, endet mein Segelabenteuer. Ich habe in den vergangenen Tagen eine Menge gelernt, und das nicht nur über das Segeln. Ich weiß jetzt wie man den praktischsten Knoten der Welt knotet, nämlich den Palstek, wie sich die Segel auf einem Schiff verhalten und wie wichtig gute Navigation ist. Ich habe aber auch gelernt, wie wichtig Zusammenarbeit und Kommunikation sind, das keine Küche zu klein ist um meisterhaft zu kochen, und das man immer Schokolade an Bord haben sollte. In der kurzen Zeit sind mir Andrea, Claudio und Max sehr ans Herz gewachsen, und irgendwie sind sie für mich inzwischen mehr als nur eine Crew: sie sind Familie. Und wenn ich morgen von Bord gehe, nehme ich nicht nur fantastische Erinnerungen an den besten Segeltörn der Welt mit, sondern auch an drei ganz besondere Menschen.

2 Antworten auf “Kontrastprogramm”

  1. Da kommen mir schon die Tränen, wenn ich die letzten Sätze lese. Wahnsinn, wie schnell man doch Menschen ins Herz schließen kann.
    …aber jetzt auf ins nächste Abenteuer! Viel Spaß!!

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  2. Es ist doch schön, wenn man andere Menschen ins Herz schliessen kann. Solche Dinge bleiben einen in Erinnerung ein Lebenlang. Und das Positive bleibt einen ja immer im Kopf. Negatives soll man sich auch nicht merken, zum Gück ist es auch so. A&M

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