Schuhe ausziehen

Nachdem ich in Göteborg endlich wieder festen Boden unter den Füßen habe, bleibe ich hier für ein paar Tage und arbeite als Katzensitter. Im Austausch für füttern, streicheln und einmal täglich Katzenklo putzen darf ich in einem modernen Appartement mit Blick auf die Skyline der Stadt wohnen. Mein Schützling ist Selma, die kuschelbedürftigste Katze, die ich je gesehen habe. Sie folgt mir ins Badezimmer, klaut mir meinen Pullover um damit zu kuscheln wenn ich weg bin und miaut mich nachts wach, weil sie auch unter die Decke will (das es ihr dort in zehn Minuten zu warm sein wird, ist ihr egal – Hauptsache, ich bin wach und sie bekommt ihren Willen. Katzen.). Ich habe sie sofort ins Herz geschlossen und weiß jetzt schon, dass es schwer wird sie wieder zu verlassen.

Die Tage verbringe ich damit, Göteborg zu erkunden. Ich habe weniger das Gefühl, durch eine große Metropole zu laufen, als durch viele kleine. Jeder Stadtteil scheint eine ganz eigene Philosophie und oft auch eine ganz andere Architektur zu haben. Mal läuft man an hochmodernen architektonischen Wunderwerken vorbei, mal streift man durch lange Gassen voller kleiner Geschäfte, die einen an das Paris der 20er Jahre erinnern. Göteborg hat keinen richtigen Stadtkern, sondern erinnert mich viel mehr an ein Mosaik aus Stil, an eine Spielwiese für Detailverliebte. Ich glaube, jeder der Schweden besucht, sollte sich etwas Zeit für diese Stadt nehmen. Es gibt so viel, über das ich berichten könnte: den botanischen Garten mit den Pinguinen, Liseberg, den größten Vergnügungspark Nordeuropas, oder auch den berühmten Stadtteil Haga, in dem es die angeblich größten Zimtschnecken der Stadt gibt. Ich habe mich aber dafür entschieden, über einen ganz bestimmten Ort in Göteborg zu schreiben, und zwar wegen dem Schild, das dort am Eingang steht: „Schuhe ausziehen“.

Ich lasse meine Turnschuhe in einem Holzregal neben besagtem Schild zurück und mache mich in meinen Ringelsocken auf, um die Ausstellung „Together“ im Museum of World Culture zu besichtigen. Obwohl besichtigen hier nicht das richtige Wort ist: ich hüpfe, tanze, krabbele und klettere durch die verschiedenen Bereiche, die mir die unterschiedlichen Seiten des Zusammenseins näherbringen sollen. Besonders ist hier, dass diese Ausstellung meiner Meinung nach eine der ersten ist, die ihre junge Zielgruppe wirklich erreicht, nämlich Kinder von 0-12 mit ihren Familien. Eine Gruppe Zehnjährige macht Musik auf einer Empore, die an einen Berg erinnert und auch mit Rollstuhl und Kinderwagen zugänglich ist. Ein paar Kleinkinder werfen Schattenbilder an die Wände, während eine Großmutter mit ihrer Enkelin ein paar Schritte Samba an der „Dance-Jukebox“ tanzt. Hier liegt ein Spielplatz zum Lernen und Entdecken, der in allen Farben des Regenbogens leuchtet und dabei kinderleicht Kinderfragen beantwortet: Wie ist es, jemanden zu vermissen? Warum streiten wir uns manchmal? Ist es okay, wenn ich anders bin?

Ich erkunde noch den ganzen Nachmittag die sieben verschiedenen Teilausstellungen in meinen Socken und verlasse das Gebäude am Ende des Tages mit einem Grinsen. Das Museum of World Culture versteht sich viel mehr als Begegnungsstätte und Erlebnis anstatt eines Museums, und das merkt man auch. Die anderen Ausstellungen mindestens genauso interessant wie „Together“, und wäre ich nicht zu spät für die Führung gekommen, hätte ich mir diese auch angesehen. Dieser Ort ist wirklich einen Besuch wert, nicht zuletzt, weil der Eintritt umsonst ist. Göteborg ist eine Spielwiese, und das Museum of World Culture ist ein bemerkenswerter Teil davon.

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