The Beast Below

Inmitten der Landschaft Schwedens finden sich nicht nur magisch anmutende Wälder, wunderschöne Dörfer und strahlend blaue Seen, sondern auch Geschichten. Geschichten, die die Umgebung durchdringen und sie zusammenhalten, die die Natur mit den Menschen verbinden, das Natürliche mit dem Übernatürlichen. Sie finden sich überall, in jedem Land auf der Erde, und geben meist Erklärungen für das, was wir uns selbst nicht erklären können.

Als ich den Sommensee das erste Mal sehe, bin ich sprachlos, einfach weil ich ihn so nicht erwartet hatte. Es sind die letzten warmen Tage in Schweden, und die Sonne scheint auf das Blau vor mir, das am Horizont von dichten Wäldern eingerahmt wird. Ich stehe auf einer der kleinen Inseln im See und spüre den Wind, der durch die Bäume streift und die erste Herbstkühle mit sich bringt. Ich ziehe meine Jacke etwas fester um mich, gehe aber nicht. Der Moment ist zu schön.

Beim Abendessen reden wir über alles mögliche, Gott und die Welt, und irgendwann auch über den See. Ich bin hier mitten in der schwedischen Provinz Östergötland und darf ein paar Tage bei einer sehr netten Familie bleiben. Als der Sommensee zur Sprache kommt, wird mir die Geschichte seiner Entstehung erzählt: Vor langer Zeit soll eine wilde Kuh mit Augen wie Feuer durchs Land gezogen sein und eine Schneise der Zerstörung hinter sich gelassen haben. Dort wo heute der See liegt hat sie ein großes Loch mit ihren gewaltigen Hufen in die Erde gescharrt, welches sich dann mit Wasser füllte. Danach soll ein Zauberer die Kuh in den See verbannt haben, wo sie so lange gefangen ist, bis ein gekrönter König nach Ydre kommt. Der Legende nach wird sie dann aus ihrem Gefängnis befreit und beginnt erneut, die Gegend zu terrorisieren.

Die Sage fasziniert mich sehr und erinnert mich sofort an Audhumbla, die Urkuh der nordischen Mythologie. Diese war nicht ganz so zerstörerisch, sondern hat den Riesen Ymir ernährt, der das erste Wesen der Schöpfung war. Zudem leckte sie Búri aus dem salzigen Stein, dessen Enkel Odin später der bekannteste Ase des nordischen Pantheons werden sollte. Audhumbla ist ein Quell des Lebens und wird rundum positiv dargestellt. Das einzige, was sie mit dem Monster vom Sommensee gemeinsam hat, ist der Name: sie werden beide als Urkuh bezeichnet.

Kann es sein, dass zwischen beiden Kühen ein Zusammenhang besteht? Ist das Biest mit den rot glühenden Augen dasselbe Wesen, welches einst den Beginn der Schöpfung miterlebte? Ich finde keinen direkten Zusammenhang zwischen den Geschichten, dennoch begleitet mich der Gedanke daran während meiner Zeit am See. Ich verbringe hier ein paar wunderschöne Tage und denke immer wieder an die beiden Kühe, eine davon ein Segen, die andere ein Fluch. Aber wie unterschiedlich sie auch scheinen, wer weiß, ob es nicht wirklich eine Verbindung gibt? Denn auch Monster haben eine Geschichte, und manchmal sind gerade die schlimmsten Dämonen einst die schönsten Engel gewesen.

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