Einmal nach Kronlia (oder auch nicht)

Als ich in Oslo ankomme habe ich keine Zeit um die Stadt zu bewundern, denn ich muss direkt weiter. Von der Hauptstadt Norwegens sehe ich in etwa nur so viel, wie man eben vom Bahnhof aus erkennen kann. Nach gerade mal 15 Minuten sitze ich schon wieder im nächsten Bus und bin auf dem Weg hinaus aufs Land. Denn was mich nach Norwegen gebracht hat, ist kein Städtetrip nach Oslo, ganz im Gegenteil. Ich habe hier einen Job.

Bevor ich diesen aber wahrnehmen kann, sitze ich im Bus und warte auf die Haltestelle „Kronlia“, etwa eine Stunde Busfahrt von Oslo entfernt. Nur zur Sicherheit hatte ich beim Einsteigen mit der Busfahrerin geredet, dass sie auch auf jeden Fall dort anhält. Vor dem Fenster zieht die Landschaft vorbei: weite Felder, kleine Dörfer, bewaldete Hügel und ein kleiner Holzunterstand mit der Aufschrift „Kronlia“ – mein Bus fährt mit guten 60 km/h vorbei. Etwas verwirrt gehe ich nach vorne und spreche die Busfahrerin darauf an. Sie winkt nur ab und meint, sie hätte mich nicht vergessen, bis zu meiner Haltestelle sei es noch ein Stück. Ich vertraue ihr und setze mich wieder auf meinen Platz, immerhin ist sie die Expertin. Zehn Minuten später macht der Bus aber plötzlich eine Vollbremsung, und zwar nicht an einer Haltestelle, sondern mitten auf der Straße. Völlig entsetzt dreht sich die Busfahrerin zu mir um: „Ich denke, ich habe da was verwechselt…“

Nachdem sie sich zehnmal bei mir entschuldigt hat, fragt sie mich, ob ich an meiner Haltestelle abgeholt werden sollte und ob ich die Nummer der Person hätte. Ich erkläre ihr, dass mein zukünftiger Chef dort mit dem Auto wartet und hole mein Handy heraus. Für sie scheint die ganze Situation ein größeres Problem zu sein als für mich, denn sie nimmt mir sofort das Gerät aus der Hand und ruft ihn an. Ich verstehe nicht viel von dem Gespräch, als sie mich an der Hand nimmt und an den Straßenrand führt, muss aber die ganze Zeit grinsen: die Situation ist einfach zu absurd, um ernst zu bleiben. Der Bus, welcher übrigens voll mit anderen Menschen ist, steht immer noch mitten auf der Straße. Als ich kurz darauf mein Handy wiederbekomme erklärt die Busfahrerin mir, mein Chef würde gleich kommen und mich hier abholen. Wenig später fährt er auch tatsächlich vor und erzählt mir, die Frau hätte am Telefon so geklungen, als würde sie den Bus auch umdrehen und mich selbst zurückbringen, wenn es nicht anders geht. Ich hätte ihr das sogar noch zugetraut.

Lars ist ein Bär von einem Mann: er überragt mich um gute 20 Zentimeter und sieht mit seinem rauschenden Bart so aus, als würde er noch vor dem Frühstück ein paar Bäume fällen. Trotzdem wirkt er in etwa so bedrohlich wie ein lebensgroßer Teddy, denn mit seinem Lachen und seinen vielen Geschichten ist er einem sofort sympathisch. Was ihn aber noch mehr auszeichnet als sein manchmal sehr dunkler Humor ist die Tatsache, dass er einfach alles zu wissen scheint. Ich glaube, ich hätte mir keinen besseren Chef aussuchen können.

In den nächsten Wochen darf ich Lars bei seiner Arbeit begleiten und ihm helfen, wofür ich im Gegenzug ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen habe. Ein fairer Tausch, vor allem wenn ich an all die Dinge denke, die ich hier lernen und erleben werde. So beginnt meine Zeit in Norwegen.

  1. Es gibt nur ein Wort, Klasse!!
    Die Menschen sind dort sehr hifsbereit. So etwas wäre bei uns bestimmt nicht passiert. Du kannst ja auch mit den Menschen umgehen. Es ist dir gegeben. Viele können dieses nicht. Warten auf den nächsten Blog. A&M

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