Aufs Dach gestiegen

Ich sitze im Rücksitz von Lars‘ Traktor und schließe mit mir selbst eine Wette ab, wie viele blaue Flecke ich heute Abend haben werde. Ehrlich, mir fallen spontan 3948 Dinge ein, die angenehmer sind, als mit einem Traktor durch den Wald zu fahren, besonders wenn die „Straße“ an manchen Stellen nur aus Geröll besteht und gefühlt 90 Grad Steigung hat. Trotzdem macht es irgendwie Spaß, auch wenn ich mehr als einmal fast aus dem Sitz geschleudert werde. Unser Ziel sehe ich erst, als wir schon kurz davor stehen bleiben: Vor uns im Wald steht eine kleine Hütte.

Das Domizil in den Wäldern Norwegens wird derzeit von Lars renoviert. Bei genauerem Hinsehen fällt einem auch auf, dass das mehr als nötig ist: Die Tür ist zerbrochen, das komplette Innenleben musste einschließlich Boden herausgerissen werden, und im Moment fehlt das Dach. Genau hier fangen wir auch an. Doch bevor wir beginnen, erklärt mir Lars, was das Wichtigste Item für jeden Arbeitstag ist: Kaffee.

Nach der Kaffeepause erklimmen wir das Gerüst und machen uns an die Arbeit. Das Dach besteht derzeit nur aus Holzplatten, die auf den Balken befestigt und mit einer wasserabweisenden Substanz behandelt sind. Darauf setzten wir nun eine Art Holzgerüst, auf das später die Dachziegel gesetzt werden. Wichtig ist hierbei, die richtigen Abstände zu nehmen, da ansonsten das Dach nicht gleichmäßig gedeckt wird. Das Gerüst wird später das gesamte Gewicht der Dachziegel tragen, deshalb ist es wichtig, hier sauber zu arbeiten. Lars erklärt mir viel über die einzelnen Vorgänge und die Physik dahinter. Ich weiß nicht wie oft er am Tag „Science“ sagt, und es wäre wahrscheinlich sinnlos zu zählen.

Während er arbeitet stehe ich meistens sehr nutzlos daneben und frage mich, was ich tun kann. Ich halte die Balken, reiche das Equiptment und klettere vom Dach um Lars‘ Hund Trym zu befreien. Der Norwegische Elchhund ist zwar unglaublich süß, aber auch sehr tollpatschig. Nach einer Weile beginnen wir, ihn „Stuckman“ zu nennen, weil er es schafft, einfach überall stecken zu bleiben. Ständig wickelt sich seine Leine um die kleinsten Vorsprünge und Äste, manchmal sogar um ihn selbst. Wie er das schafft bleibt ein Rätsel, fest steht nur, dass er sich alleine nicht wieder befreien kann. Und so klettere ich mindestens ein Dutzend Mal das Gerüst runter und wieder hoch, bis „Stuckman“ das nächste Mal zuschlägt.

Nach einer Weile gewöhne ich mich an die Arbeit in der Höhe und beginne zu verstehen, was Lars gerade tut. Er fasst es selbst ganz gut zusammen: „Do as I mean, not as I say“. Wir werden wohl noch eine Weile brauchen, um uns aufeinander abzustimmen. Trotzdem vergeht der erste Arbeitstag wie im Flug und wir kommen weiter als erwartet. Am Ende des Tages sitzen wir beide auf dem unfertigen Dach und sehen zum Horizont. Bei schönem Wetter kann man von hier aus bis zum Oslofjord sehen, erklärt mir Lars. Der Ausblick ist wunderschön. Ich bin mir sicher, dass das hier einmal ein wunderbarer Ort wird, sobald alles fertig ist. Doch bis dahin ist es noch eine ganze Weile. Und für heute genügt es mir, hier einige Meter über dem Boden zu sitzen und über das Tal zu blicken.

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