Waidwerk am Morgen

Als mein Wecker um 04:45 Uhr morgens klingelt, bereue ich es sofort, Lars gestern Abend zugesagt zu haben. Das ist einfach keine Uhrzeit um aufzustehen. Trotzdem quäle ich mich aus meinem kuscheligen Bett hervor und schlüpfe in so viele Schichten Kleidungen, wie ich finden kann. Unten in der Küche finde ich Lars, der bereits Kaffee macht und uns beiden damit den Morgen rettet. Nach einem kurzen Frühstück sind wir dann auch bereit, um loszuziehen. Wir beide gehen heute auf die Jagd.

Da es draußen regnet, gibt Lars mir einen tarnfarbenen Überwurf, der mich endgültig wie die Militärversion des Michelinmännchens aussehen lässt. Bei diesem Wetter ist mir das allerdings herzlich egal, denn hier geht es nur darum nicht nass zu werden. So leise wie möglich laufen wir in Richtung Wald. Den Platz den Lars sich eigentlich für die heutige Jagd ausgesucht hatte können wir leider nicht nehmen, weil der Wind sich gedreht hat und das Wild uns so zu früh riechen könnte. Wir laufen also noch etwas weiter und setzten uns an den Rand einer Lichtung. Jetzt gibt es nur noch eines zu tun: beobachten.

Anfangs ist es sehr unbequem dort zu sitzen und zu warten. Es ist kalt, es ist nass, man ist müde und absolut nichts passiert. Trotz des Regens habe ich das Gefühl, jeder meiner Atemzüge sei zu laut, und ein paar Mal habe ich Angst einzuschlafen und vom Hocker zu fallen. Lars, der neben mir sitzt und das Gewehr geladen und gesichert im Schoß ruhen lässt, scheint keine solchen Probleme zu haben wie ich. Nach einer Weile gewöhnen sich meine Augen aber daran, auf den gegenüberliegenden Waldrand zu starren, und ich merke, wie meine Atmung gleichmäßiger und ruhiger wird.

Tatsächlich sehe ich es selbst, kurz bevor Lars mich anstupst und auf die andere Seite der Lichtung zeigt: Ein kleines Reh taucht aus dem dunkel der Bäume hervor und späht ängstlich auf die Lichtung. Der Grund warum wir in der Dämmerung jagen gegangen sind ist, dass die Tiere in den Wald zurückkehren, welchen sie am Abend zuvor zum Trinken verlassen hatten. Dieses Reh ist also auf dem Weg zurück und hat allen Grund, vorsichtig zu sein, immerhin sitzen knapp hundert Meter entfernt ein Jäger und eine Backpackerin (ersterer wahrscheinlich die größere Bedrohung). Nach einigem Zögern verlässt es schließlich den Schutz des Waldes und tritt auf die Lichtung hinaus. So schnell wie möglich huscht es über die offene Fläche und verschwindet kurz darauf wieder im Dickicht. Lars und ich beobachten es nur, geschossen wird heute nicht.

Wenig später bricht der Tag an und beendet somit die Jagd für heute. Es ist interessant, wie der Morgen in einer festen Reihenfolge beginnt: Erst wird es langsam immer heller und heller, dann fangen ein paar Minuten vor Sonnenaufgang die Vögel an zu singen, und dann steigt die Sonne über den Horizont und setzt somit der Dunkelheit ein Ende. Auf einmal fühlt sich die Welt ganz anders an, nicht mehr so gefährlich und wild, und es hört sogar auf zu regnen. Auch wenn wir keine Beute gemacht haben war es ein erfolgreicher Start, denn einen so intensiven Morgen habe ich noch nie erlebt. Lars und ich trinken noch einen Kaffee aus der Thermoskanne und genießen einfach noch die Ruhe, bevor wir uns auf den Rückweg machen. Einfach noch einen Moment Freiheit, während um uns herum ein neuer Tag beginnt.

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