Mein erster Elch

Ich weiß nicht, wie oft ich seit Beginn dieser Reise schon gefragt wurde, ob ich einen Elch gesehen habe. Sobald ich einem Deutschen erzähle, dass ich in Skandinavien unterwegs bin, ist die erste Frage immer die nach dem wohl größten Stereotyp der hiesigen Wälder. Und natürlich möchte ich auch unbedingt eines der wohl schönsten Tiere Nordeuropas sehen, jetzt wo ich hier bin. Trotzdem hatte ich mir meinen ersten Elch etwas anders vorgestellt… zumindest etwas lebendiger.

Eine Gruppe Jäger hatte am Tag zuvor einen Elch in der Umgebung erlegt. Die Jagdsaison für Elche beginnt eigentlich erst in ein paar Wochen, aber dieses Exemplar hatte sich sehr ungewöhnlich verhalten und war deshalb geschossen worden. Später hatte sich herausgestellt, dass der Elch an einem Herzfehler litt. Nachdem man ihm das Fell abgezogen und ihn ausgenommen hatte, brachte Lars das noch zusammenhängende Skelett (ohne Kopf) mit nach Hause, um daraus Brühe zu kochen.

Was für viele Leute hier ganz normal ist, ist für mich anfangs ein verstörender Anblick: Das Skelett liegt zusammengestaucht in einer riesigen Plastiktüte, an den Knochen hängt noch das rote Fleisch. Als Lars mir anbietet, ihm beim zerlegen zu helfen, will ich erst absagen. Doch etwas lässt mich zögern. Ich bin keine Vegetarierin, und ich bin es auch nie gewesen. So sehr ich auch die Menschen respektiere, die auf tierische Produkte verzichten, ich könnte mir diesen Lebensstil nicht auf Dauer vorstellen. Aber ich kann auch nicht für den Rest meines Lebens so tun, als würde die Salami auf magische Art und Weise einfach im Supermarktregal auftauchen. Es ist Teil der Verantwortung als Mensch, sich über die Herkunft seiner Lebensmittel bewusst zu werden. Und so nehme ich, wenn auch etwas widerwillig, das Messer in die Hand.

Lars erklärt mir, dass man im Prinzip auch ohne Knochensäge das komplette Skelett zerlegen kann. Man kann einfach mit einem scharfen Messer durch die Berührungspunkte schneiden und die einzelnen Knochen voneinander trennen. Er macht es mir ein paar Mal vor, dann gibt er mir ein Stück des Brustkorbes. Sehr zögerlich stecke ich die Klinge in den schmalen Raum zwischen zwei der Rippen und bewege sie hin und her. Lars weist mich dazu an, genauer aufzupassen: man kann spüren, wie man das Messer führen muss.

Nach und nach verschwindet meine Abscheu und das Zerlegen wird auf den simplen Fakt der Arbeit reduziert. Ich höre auf, an den armen Elch zu denken, sondern konzentriere mich voll und ganz auf die Knochen vor mir. Stück für Stück werden aus dem Skelett viele kleine Teile, die wir auf vier große Kochtöpfe verteilen. Am Ende versuche ich sogar, eine der Rippen wie Lars an der Tischkante zu brechen, doch dafür bin ich dann doch zu schwach.

Als wir fertig sind und die Brühe auf dem Herd köchelt, fühle ich mich seltsam entrückt, bin aber auch stolz auf mich. Das hier ist nicht kaltblütig oder mörderisch, es ist einfach eine notwendige Arbeit wie Feuerholz zuschneiden oder Wäsche waschen. Das Jagen füllt den Kühlschrank und sichert so das Überleben. Solange man auch hier nach bestimmten Grundsätzen handelt, ist es sogar notwendig für ein gesundes Ökosystem. Ich habe heute nicht die Welt gerettet, aber ich habe Verantwortung übernommen für das, was ich esse. Ein kleiner Schritt, aber immerhin ein Anfang.

2 Antworten auf “Mein erster Elch”

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