Shotgun oder warum man Chancen ergreifen sollte

Manchmal gibt es solche Momente, in denen mir schlagartig wieder klar wird, dass all das gerade wirklich passiert. Dass ich hier wirklich in Norwegen bin, dass ich wirklich schon über zwei Monate alleine auf Reisen bin, dass ich meine Heimat fast völlig unvorbereitet verlassen habe, um ein Abenteuer zu erleben. So geht es mir auch, als Lars und ich mit dem Traktor eine schmale Bergstraße erklimmen und man schon von weitem Schüsse durch den Wald hört. Schließlich erreichen wir das abgelegene Gelände des Schießstands, und Lars kann man die kindliche Vorfreude schon buchstäblich ansehen.

Er hat mich heute wieder mit zum Schießstand genommen, um mit der Shotgun zu trainieren. Ich war vor zwei Wochen schon einmal dabei, habe auch selbst schon geschossen und nicht Mal so schlecht abgeschnitten. Auch heute darf ich wieder eine Runde selbst mein Glück versuchen. Das ganze funktioniert in etwa so: In einem Schützenstand schießen fünf Personen abwechselnd auf kleine, orangene Scheiben, die von einer Maschine auf Kommando in eine zufällige Richtung auf ein gesichertes Gebiet geschleudert werden. Jeder hat dabei 25 Schuss, und alle fünf Schüsse wechseln die Schützen den Platz, um Fairness zu gewährleisten. Ziel ist es logischerweise, so viele der „Tontauben“ zu treffen.

Während Lars den ersten Durchgang mitmacht, sitze ich mit schalldichten Kopfhörern etwas weiter hinten und schaue ihm zu. Als nächstes wäre ich an der Reihe, aber irgendwie schleichen sich auf einmal Zweifel ein. Was ist, wenn ich nicht mehr weiß wie es geht? Was, wenn ich mich keine einzige Scheibe treffe und mich vollkommen blamiere? Es gibt so viel was ich falsch machen könnte, und plötzlich habe ich richtige Angst davor, gleich selbst schießen zu müssen.

Als Lars fertig ist und mir die Schrotflinte in die Hand drückt, bin ich tatsächlich kurz davor abzubrechen. Doch dann wird mir wieder klar, wo ich hier eigentlich bin – ich stehe gerade in Norwegen, wo ich als Dachdeckerin arbeite. Ich bin so weit gekommen und habe so viele wunderbare Dinge erlebt, von denen ich nie geträumt hätte. Ich kann mehr schaffen als ich selbst glaube, alles was ich brauche ist ein bisschen Mut. Etwas entschlossener nehme ich die Waffe an mich und trete nach vorne.

Nachdem ich die erste Patrone in den Lauf gesteckt habe, wird die Schrotflinte geschlossen und entsichert. Der hintere Teil wird dann gegen die Schulter gedrückt, um den Rückstoß abzufangen, und über den Lauf visiert man das Ziel an. Sobald ich in Position bin, gibt Lars für mich das Kommando. Eine leuchtend orangene Scheibe fliegt über das Feld – ich drücke ab, sie zerbricht in ein Dutzend kleine Teile. Auch der nächste Schuss wird ein Volltreffer. Nicht nur ich bin sehr überrascht, und Lars fängt an, die Patronenhülsen der Treffer zu sammeln. Eine Scheibe nach der anderen zerbirst am Himmel in eine Wolke aus Splittern, daneben schieße ich eher selten. Am Ende habe ich tatsächlich 17 aus 25 getroffen, was verdammt gut ist, vor allem, weil ich heute erst zum zweiten Mal in meinem Leben geschossen habe.

Am Ende des Tages bin ich natürlich froh, dass ich meine Angst überwunden habe. Aber solche Momente kennt jeder von uns: Man möchte etwas tun, aber die eigenen Zweifel und Sorgen halten einen davon ab. Auch vor dieser Reise hatte ich Angst, wie ich ja bereits im allerersten Beitrag beschrieben habe. Ich hatte wirklich Bedenken, ob ich auch das richtige tue. Und jetzt? Jetzt stehe ich hier, mit so vielen Erfahrungen und Erlebnissen im Gepäck. Ich habe es keinen einzigen Tag bereut, losgezogen zu sein, und in Momenten wie diesen bin ich von mir selbst überrascht, wie weit ich bisher gekommen bin. Vielleicht liegt es in der Natur des Menschen, an sich selbst zu zweifeln, sich immer zu viele Gedanken zu machen und sich oft selbst im Weg zu stehen. Die Wahrheit ist aber, dass wir stärker sind, als wir glauben. Und manchmal ist alles, was uns davon abhält wirklich Großes zu schaffen, nur der erste Schritt.

2 Antworten auf “Shotgun oder warum man Chancen ergreifen sollte”

  1. Dieses Mal haben wir kam Worte dazu. Es ist einfach so wie du es beschreibst. Das ist die Warheit, Punkt, Kommau und aus! Nur eins noch weiter so, es kann nur besser werden. A&M

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