Eine außergewöhnliche Frau

Geschichten bewegen sich in Kreisen. Nicht immer merken wir, wenn wir Teil einer Geschichte werden, aber sie können sich drehen und wenden und um uns herum entstehen. Und manchmal findet sich eine Geschichte in einer anderen, und ohne das wir es merken, werden wir Teil von etwas ganz anderem.

An meinem ersten Abend in Norwegen nahm Lars mich mit zum Haus seiner Großmutter, um gemeinsam mit einer Nachbarin nach alten Bildern zu suchen. Hanna-Marie Hillestads Haus ist eine gemütliche Ansammlung verschiedenster Möbelstücke, Urlaubssouvenirs, dekorativem Krempel und allerlei Krimskrams, der sich über die Jahre angesammelt hat. Sie selbst ist Anfang des Jahres ins Altenheim gezogen, weshalb wir nur zu dritt auf einem Sofa sitzen und durch gut ein Dutzend Fotoalben blättern. Eine Sache fiel mir dabei immer wieder auf: auf vielen Bildern liegt der Fokus auf Blumen oder Pflanzen, während die Menschen eher unscharf in den Hintergrund rücken. Anfangs schrieb ich es einem technischen Fehler oder unerfahrenem Fotografen zu, doch dann begann Lars mir von seiner Großmutter zu erzählen. Hanna-Marie war eine Koriphäe der Pflanzenkunde und muss in ihrer Glanzzeit einer der bewandertsten Menschen auf diesem Gebiet gewesen sein. Sie sammelte Samen aus unterschiedlichen Ländern, verkaufte selbstgemachte Tees, Tinkturen und Heilsalben, hielt sogar Vorträge darüber. Später am Abend zeigte Lars mir im Keller Räume voller getrockneter Kräuter und Regale voller Bücher und Notizen.

In den kommenden Wochen nahm Lars mich mit ins Altersheim. Er besuchte seine Großmutter jeden Dienstag, wofür ich ihn ehrlich gesagt sehr bewunderte. Für mich war es ein komisches Gefühl, diese besondere Frau aus den Geschichten und Bildern ihres Enkels nun im echten Leben zu treffen. Es war immer noch ein Ehre, diese dynamische und eigensinnige Dame aus den Fotografien kennenzulernen. Trotzdem hätte ich sie gerne ein paar Jahre früher getroffen. Das Alter erwartet uns alle irgendwann.

Zu den vielen verschiedenen Aufgaben, die Lars und ich abarbeiteten, gehörte auch die Demontage von Hanna-Maries altem Gewächshaus. Von dem riesigen Garten, in dem einmal mehrere hundert verschiedene Kräuter und Pflanzen gewachsen waren, war nicht mehr viel übrig, aber Lars wird das Haus übernehmen, die guten Stücke und Erinnerungen behalten und neue hinzufügen. Im Regen nahmen wir das Metallgerüst auseinander und sortierten den Inhalt des ehemaligen Treibhauses. Zwischen Tontöpfen und alten Gartenstühlen fanden wir dabei eine rote Metallbox, darin einige kleine Tütchen mit verschiedenen Pflanzensamen. Zu unserer Überraschung hatte die Box Wind und Wetter abgehalten.

Leider ist Hanna-Marie mit 89 Jahren in der Nacht auf meinen Abreisetag von uns gegangen. Niemand hatte damit gerechnet, aber besser so als sie leiden zu sehen. In dieser Nacht ist eine großartige Frau gestorben, die ich zwar hauptsächlich nur aus Geschichten und Bildern kannte, die mich trotzdem während meines gesamten Aufenthaltes bei Lars irgendwie begleitet hat. Ich glaube, sie war eine sehr willenstarker Person, die für das eingetreten ist, an was sie geglaubt hat. Nicht nur in dieser Hinsicht halte ich sie für ein Vorbild. Wenn ich ihren Enkel ansehe, dann glaube ich, dass dieser besondere Funke, den nur wenige Menschen in sich tragen, noch lange weiterbestehen wird.

Für mich hat sich an diesem Tag der Kreis geschlossen. Lars hat mir erlaubt, die Samen aus der Box im Garten zu behalten. Ich trage die weißen Tüten in meinem Rucksack bis ich wieder zuhause bin, und dort werde ich versuchen sie zu pflanzen. Ich habe zwar keinen grünen Daumen wie Hanna-Marie Hillestad, aber ich werde es auf jeden Fall versuchen. Und vielleicht, wer weiß, ist das ja der Anfang einer neuen Geschichte.

 

Ich werde den selben Beitrag noch einmal in Englisch posten, um eine Verunstaltung des Textes durch Google Translate zu vermeiden, denn das hätte Hanna-Marie nicht verdient.

  1. Nur wer sich die Welt ansieht und hinter die Menschen sieht kann verstehen wie sie denken und handeln.Jeder sollte seinen Weg finden und gehen.Es kann aus jeden etwas werden man muss nur wollen.

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