Eye of the tiger

Meine Zeit bei Lars ist leider vorbei, und ich muss mich verabschieden. Auch wenn ich sicher bin, dass wir in Kontakt bleiben werden und ich ihn auf jeden Fall wieder besuchen möchte, geht meine Reise erst einmal weiter. Und welcher Ort könnte nach dem ländlichen Leben besser geeignet sein als die Hauptstadt Norwegens? Mit dem Zug geht es also nach Oslo.

Ich habe großes Glück, denn dieses Mal habe ich eine Unterkunft in einem der besten Viertel gefunden: Direkt auf der kleinen Halbinsel neben der Oper, zentraler geht es einfach nicht. Vom Hauptbahnhof aus habe ich es also nicht weit, zumindest in der Theorie. Für den eigentlich knappe zehn Gehminuten langen Weg brauche ich eine gute Dreiviertelstunde. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens ist Oslo eine einzige Baustelle, die von turmhohen Kränen und Menschen in grellorangenen Westen bevölkert wird. Zweitens halte ich alle zwei Minuten an, um mir irgendetwas anzusehen oder ein Foto zu schießen. Besonders eine Sehenswürdigkeit fällt mir dabei direkt nach meiner Ankunft ins Auge. Außerhalb des Bahnhofsgebäudes steht ein 4,5 Meter langer Tiger aus Bronze.

Tatsächlich frage ich eine Handvoll Menschen nach der Geschichte hinter der Skulptur, doch die meisten wissen nicht mehr als das es irgendwie mit dem Spitznamen Oslos zu tun hat: „Tigerstaden“, die Tigerstadt. Aber was hat Norwegens Hauptstadt mit dem König des Dschungels zu tun? Nach etwas Recherche stoße ich auf das Gedicht „Sidste Sang“ (in Deutsch etwa: „Der letzte Gesang“) von Bjørnstjerne Bjørnson, einem norwegischen Dichter, Politiker und Literaturnobelpreisträger, der unter anderem auch die norwegische Nationalhymne verfasst hat. In dem relativ langen Gedicht von 1870 geht es um ein spanisches Fest, auf dem ein Pferd und ein Tiger gegeneinander kämpfen müssen. Das Pferd steht dabei für das friedliche Landleben, während der Tiger die gefährliche Stadt repräsentiert. Angeblich trägt Oslo seit der Veröffentlichung des Gedichts den Namen Tigerstadt. Wenn man das Gedicht liest fällt einem sehr schnell auf, dass der Tiger nicht besonders positiv dargestellt wird. Bjørnson selbst sympathisiert sich auch eher mit dem Pferd als der Bestie. Warum also die Hauptstadt des eigenen Landes so nennen?

Für die Antwort muss man etwas in der Zeit zurückreisen. Viele wissen nicht, dass Norwegen ein relativ junges Land ist, welches erst zu Anfang des 20. Jahrhunderts unabhängig wurde. Zu der Zeit in der Bjørnsons Gedicht erschien, war Oslo nur der schwedische Verwaltungssitz der norwegischen Provinz (damals trug die Stadt sogar noch den Namen „Christiania“, der Name Oslo wurde erst vor knapp hundert Jahren wieder eingeführt). Wer im Geschichtsunterricht aufgepasst hat weiß, dass im 19. Jahrhundert gerade die Industrialisierung eine Bevölkerungsverschiebung vom Land in die Stadt verursachte. Städte wuchsen rasant an, was sich nicht immer positiv auf die dortigen Lebensbedingungen auswirkte. Viele Künstler dieser Zeit griffen die Thematik in ihren Werken auf, was die Darstellung in Bjørnsons Gedicht erklären könnte. Kein Wunder also, dass die Menschen Städte eher mit gefährlichen und unbarmherzigen Monstern gleichgesetzt haben.

Heutzutage hat der Spitzname „Tigerstaden“ seine negative Bedeutung verloren. Oslo verbindet den Tiger mit spannenden und interessanten Erlebnissen, und ich muss dem zustimmen: Norwegens Hauptstadt ist wirklich einen Besuch wert – man läuft höchstens Gefahr, sich zwischen den vielen Baustellen zu verlaufen.

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