Stockholm-Syndrom

„Wie triffst du eigentlich diese ganzen Menschen?“

Eine Frage, die mir immer wieder gestellt wird. Leider habe ich keine universelle Antwort darauf, zumindest nichts was über „Lächeln und freundlich sein“ hinausgeht (meine Theorie ist ja, dass ich beim Reisen oft so verloren aussehe, dass die Menschen Mitleid mit mir haben und deshalb mit mir sprechen). Tatsächlich sind aber viele überrascht, warum ich gerade in der Hauptstadt Schwedens so leicht Anschluss finde. Es stimmt schon – wer hier durch die Straßen geht und zurück gegrüßt wird, der hat schon das Maximum an sozialer Aktivität des durchschnittlichen Stockholmers erfahren. Anhand der folgenden Geschichte möchte ich darlegen, dass es trotz allem nicht so schwer ist, in Stockholm Freunde für’s Leben zu finden – auch wenn man dafür einen etwas ungewöhnlichen Weg gehen muss.

Alles beginnt damit, dass am 23. August 1973 Jan-Erik Olsson die Kreditbank am Norrmalmstorg in Stockholm betritt – und mit einer Maschinenpistole in die Decke schießt, während er „the party is about to begin!“ ruft. Interessant ist, dass der gebürtige Schwede diesen Satz auf Englisch, noch dazu mit einem amerikanischem Akzent sagt – nach eigener Aussage wollte er sich als amerikanischen Touristen ausgeben. Zwei Polizisten stürmen in die Bank, Olsson verletzt einen der beiden und nimmt anschließend vier Geiseln. Das Drama vom Norrmalmstorg hat begonnen.

Wie man sich denken kann, ist das Gebäude ziemlich schnell von Polizisten und der Presse umstellt – tatsächlich ist dieser Kriminalfall der erste, der jemals live ins schwedische Fernsehen übertragen wird. In der Bank sieht sich Olsson in die Enge getrieben und versucht mit der Polizei über ein Fluchtfahrzeug zu verhandeln. Die Polizei lehnt ab, stimmt aber tatsächlich einer anderen Forderung zu: Olsson bittet darum, den bekannten Verbrecher Clark Olofsson aus dem Gefängnis zu ihm in die Bank zu bringen. Nun, ich bin bestimmt kein Experte, aber die Anzahl der Kriminellen in einem laufenden Banküberfall zu verdoppeln halte ich nicht für die klügste Entscheidung.

Wir haben nun also zwei Bankräuber, die sich mit den Geiseln in den Tresorraum einschließen. Die Polizei fasst den Plan, Gas durch in die Tresortüre gebohrte Löcher zu leiten, doch Olsson und sein Partner machen ihnen einen Strich durch die Rechnung. Mit Draht binden sie den Geiseln Schlaufen um die Hälse. Sollten sie nun durch Gas das Bewusstsein verlieren, würden sie sich unweigerlich selbst erhängen. Klingt nach einer schrecklichen Situation für die Geiseln, doch tatsächlich ist das der Punkt an dem es richtig seltsam wird. Eine der Geiseln telefoniert mit Ministerpräsident Olof Palme und versucht ihn zu überreden, die beiden Bankräuber laufen zu lassen – nicht weil sie gezwungen wird, sondern weil sie eine Sympathie zu den Männern aufgebaut hat.

Die Geiseln befinden sich in einer Situation, in der auf einmal die Polizei die Bedrohung darstellt und nicht mehr die Geiselnehmer. Sie entwickeln eine für außenstehende verstörende Zuneigung zu ihrem Entführer, was es für die Polizei noch schwerer macht, die Kontrolle zu behalten. Als nach sechs Tagen (!) die Geiselnahme endlich beendet wird, rufen die Befreiten ihren ehemaligen Peinigern „Wir sehen uns wieder!“ zu und bitten die Polizisten, ihnen nicht weh zu tun. Einer der wirrsten Banküberfälle der Geschichte geht zu Ende, und der Begriff „Stockholm-Syndrom“ ist geboren.

Tatsächlich sind die Geiseln und die Bankräuber noch heute in Kontakt. Eine der Geiseln erzählte beim 40-jährigen Jubiläum einem Reporter, sie seien enge Freunde und treffen sich ein paar Mal im Jahr. Nur ein Beispiel: Olsson kam 1980 wieder aus dem Gefängnis frei und heiratete noch im selben Jahr – Ehrengast war eine der Geiseln. Die ganze Geschichte klingt unglaublich seltsam und wirr, aber sie zeigt, dass man sogar in Stockholm Freunde für’s Leben finden kann – man braucht nur einen Banküberfall, etwas Gewalt und sechs Tage Geiselnahme.

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