Reise in die Nacht

Ich mag diese Zeit die man braucht, um von einem Ort an den nächsten zu kommen. Dieses Dazwischen, das schwerelos im Raum hängt und weder zur einen Seite noch zur anderen gehört. Ich mag es, in Zügen am Fenster zu sitzen und einfach stundenlang die Gedanken streifen zu lassen, während vor mir die Landschaft vorbeizieht. An Bahnhöfen die anderen Menschen zu beobachten und mir Geschichten über ihre Leben auszumalen. Mit den Sitznachbarn darüber zu reden, ob man von etwas weg- oder zu etwas hinreist. Aus diesem Grund freue ich mich auch besonders, als ich in Stockholm in den Nachtzug einsteige – in den nächsten Tagen geht es für mich quer durch Schweden und Norwegen.

Es ist das erste Mal, dass ich mit einem Nachtzug reise. Tatsächlich ist die Realität genau so, wie ich es mir erhofft hatte. Der Zug ist so lang, dass er den gesamten Bahnsteig einnimmt, und während es bereits dämmert steige ich in einen der Waggons. Innen gibt es mehrere Abteile, in denen je sechs Personen schlafen können. Mein Abteil ist noch leer als ich ankomme, was aber daran liegt das ich bei Zugfahrten immer etwas zu früh am Gleis stehe. Noch während ich mich frage, ob heute Nacht alle Betten belegt sein werden, öffnet sich die altmodische Schiebetür und ein Mädchen kommt herein. Sie ist etwa einen halben Kopf kleiner und sieht viel jünger aus als ich, aber ihr verschmitztes Lächeln lässt darauf schließen, dass sie älter ist. Wir verstehen uns sofort.

Kurz bevor der Zug losfährt bekommt unser Abteil noch mehr Zuwachs: Eine hochgewachsene Frau mit krausem Haar und Sommersprossen auf der Nase setzt sich zu uns. Ich kann nicht anders als sie anzustarren – sie ist wunderschön. Nicht im Sinne von Hochglanzmagazin-Models, sondern in einem lebendigen, echten Sinn. Als sie es bemerkt legt sie den Kopf schief und fragt: „Everything okay, honey?“ Gott sei Dank sieht man im Licht der Dämmerung nicht wie ich rot anlaufe.

Als der Zug den Bahnhof verlässt zieht zuerst Stockholm vor unserem Fenster vorbei, dann die schwedische Landschaft. Es wird schnell dunkel, weshalb man nach kurzer Zeit draußen nur noch schwarze Leere sieht. An den nächsten Haltestellen steigen noch zwei ältere Damen hinzu, die kurz darauf auch schlafen gehen wollen. Also bauen wir das Abteil um – aus den zwei Sitzbänken werden die untersten Betten, die Rückenlehnen verwandeln sich in die mittleren Betten und die Gepäckablage wird zur obersten Bettenreihe. Ich darf in einem der mittleren Betten schlafen. Zwar kann ich hier nicht aufrecht sitzen, doch gemütlich ist es allemal. Nur hin und wieder drückt die Fliehkraft einen etwas hin und her, aber es fühlt sich eher wie ein angenehmes Schaukeln an. Und während der Zug immer tiefer in die Nacht hinein rauscht, falle ich in einen ruhigen und traumlosen Schlaf.

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