Mit dem Zug durch Skandinavien

Am nächsten Morgen sind wir alle schon sehr früh wach, denn um 06:30 Uhr passieren wir den Ort, an dem das Mädchen aussteigen muss. Inzwischen weiß ich, dass sie dort ihren Freund besuchen wird – die beiden sind erst seit kurzer Zeit ein Paar und wenn sie über ihn spricht, huscht eine kurze Röte über ihr Gesicht. Bevor sie geht tauschen wir noch Handynummern aus, denn wir wollen beide wissen, wie es mit der anderen weitergeht.

Nachdem sie den Zug verlassen hat fangen wir anderen an, die Betten wieder umzubauen. Die ganze Aktion stellt sich als schwerer als erwartet heraus. Während sechs Personen liegend ohne Probleme in das Abteil passen, können vielleicht drei bequem zwischen den Betten stehen (dann aber unfähig, irgendwie aufzuräumen). Kurzerhand werde ich samt Rucksack auf den Gang verbannt, von wo aus ich den anderen beim Arbeiten zusehen kann. Um die Zeit zu nutzen gehe ich mir in dem kleinen Waschraum am Ende des Waggons die Zähne putzen, was sich durch das Ruckeln des fahrenden Zuges als echter Gleichgewichtsakt herausstellt. Als ich zurück zum Abteil wanke frage ich mich, ob man von so etwas eigentlich seekrank werden kann.

Tatsächlich sieht unser Abteil wieder genauso aus, wie ich es gestern vorgefunden habe. Draußen vor dem Fenster rauschen scheinbar endlose Birkenwälder vorbei, die nur hin und wieder durch spiegelklare Seen unterbrochen werden. Wegen mir schweift die Konversation von Schwedisch immer wieder ins Englische, da ich als einzige nicht die Landessprache beherrsche. Trotzdem schaffen wir es, uns über Jobs, Skifahren und die Tatsache zu unterhalten, dass es nichts beleidigenderes gibt als Frauenshampoo (ehrlich, wie oft habe ich schon bei der Beschreibung „Für trockenes, strapaziertes, dünnes, fettiges, hässlich-herunterhängendes Gollum-Haar“ gedacht: „Endlich, ein Shampoo für mich!!!“). Nach und nach steigen auch meine lieben Mitreisenden aus dem Zug aus, und irgendwann bin ich wieder ganz alleine in meinem Abteil.

Vor dem Fenster wechselt die Szenerie von herbstlichen Wäldern zu einem immer kühleren und graueren Bild: Wir fahren gen Norden. Immer weniger Bäume, immer mehr ausgedorrte Büsche und braune Leere bis zum Horizont. Als wir in Kiruna am Bahnhof ankommen bin ich trotzdem aufgeregt. Völlig achtlos lasse ich meinen Rucksack zurück und springe hinaus auf den Bahnsteig, denn dort liegt tatsächlich der erste Schnee des kommenden Winters. Wie ein Kind springe ich in meinen Wanderstiefeln von einer matschigen Schneepfütze in die andere, bis der Schaffner mich zurück zum Zug pfeift und es weitergeht.

Desto nördlicher wir von Kiruna aus fahren, desto schöner wird auch die Landschaft. Natürlich ist die leblose Landschaft immer noch da, aber sobald wir die norwegische Grenze überqueren rücken auf einmal majestätische Berge in den Hintergrund. Von meiner Heimat bin ich es gewöhnt, an guten Tagen bis zu den Alpen sehen zu können, aber das hier ist etwas vollkommen anderes. Alles wirkt irgendwie wilder und unberührter, und ich habe das Gefühl durch eine National-Geographic-Fotografie zu fahren. Wie ein Süchtiger hänge ich am Fensterglas und kann nicht fassen was ich da sehe. Unbeschreiblich schön.

Als die Sonne schon längst untergegangen ist nähere ich mich meinem Ziel: Narvik. Im Dunkeln der Landschaft wirkt die Stadt wie ein Hafen aus Licht, den der Zug auf seiner Reise durch das Nichts ansteuert. Als wir in den Bahnhof einrollen und ich meine Zugreise beende, bin ich irgendwie auch ein bisschen melancholisch. Es ist ein gutes Gefühl unterwegs zu sein und beim Einschlafen zu wissen, dass man morgen an einem anderen Ort aufwachen wird. Ich beschließe, dass das hier auf keinen Fall meine letzte Zugreise gewesen ist. Doch für heute wende ich mich erst Mal anderen Abenteuern entgegen.

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