Farblos

Narvik ist eine verdammt hässliche Stadt in einer wunderschönen Umgebung. Ehrlich, als ich morgens aufwache und aus dem Fenster schaue bin ich sprachlos: Die fernen Berge mit ihren schneebedeckten Gipfeln, die gestern noch in der Ferne vor meinem Zugfenster vorbeizogen, sind auf einmal ganz nah. Sie fallen erst steil, dann immer flacher zum Fjord hin ab, sodass die Stadt langsam von den Gipfeln ins Meer zu rutschen scheint. Wenn man sich anstrengt, kann man am Horizont sogar die Lofoten sehen – nur einen Katzensprung entfernt.

Doch Narvik selbst ist ein Alptraum. Vielleicht klingt es überspitzt, aber die Schmutzgrauen Fassaden und die einheitliche Bauweise der Häuser erinnert mich an eine kommunistisch angehauchte Metropole, die ihre Blütezeit vor gut 40 Jahren hatte. Das schönste Gebäude ist noch das Scandic-Hotel in der Stadtmitte, und es ist auch gleichzeitig das einzige Anzeichen dafür, dass das hier die Stadtmitte ist. Ansonsten gibt es hier nämlich nur einen Supermarkt, ein paar halbwegs instandgehaltene Geschäfte und etwas, das entweder eine Bäckerei oder ein Laden für Thai-Massagen sein könnte.

Doch obwohl ich hier so negativ über die Architektur dieser Stadt schreibe ist Narvik einen Besuch wert – zumindest wenn man sich für Geschichte interessiert. Denn im zweiten Weltkrieg spielte die Stadt eine wichtige Rolle, vor allem wegen der Rohstoffe. Hier endet nämlich die Eisenbahnstrecke, mit der das im schwedischen Kiruna abgebaute Eisenerz transportiert wurde (genau die, mit der ich am Tag zuvor durchs Land gefahren bin). Unter dem Tarnnamen „Weserübung“ versuchte Deutschland 1940, Dänemark und Norwegen zu blitzartig zu besetzten, und Narvik war einer der Angriffspunkte. In zwei Seegefechten vor Narvik erlitt die Deutsche Flotte jedoch erhebliche Verluste, welche angeblich so hoch waren, dass sich die Kriegsmarine für die restliche Dauer des zweiten Weltkriegs nicht mehr richtig erholte. In einem zweiten Versuch schafften die Rechtsradikalen es schließlich doch, Narvik zu besetzen, doch der Preis dafür war hoch. (Ich hoffe, ich erzähle keinen Mist – Kriegsgeschichte ist nicht mein Lieblingsthema. Ich müsste wahrscheinlich meinen kleinen Bruder um Rat fragen…)

Heutzutage erinnert ein Denkmal sowie ein Kriegsmuseum an die Vorfälle. Ich sehe das Museum nur von außen – wie gesagt, Kriegsgeschichte ist nicht meins, ich beschäftige mich lieber mit Wissenschaft und Menschen. Aber das der Krieg Spuren hinterlassen hat, kann man tatsächlich noch heute merken, und wenn es nur im Tourismus ist. Während ich durch die Straßen laufe, versuche ich mir vorzustellen, wie ich diese Stadt vermarkten würde. Die Natur drum herum, klar, aber ansonsten? Viel mehr außer dem Krieg und dem Eisenerz aus Kiruna gibt es hier nicht. Narvik wird als wildes Geschichtsabenteuer verkauft, aber ich werde einfach nur bedrückt wenn ich in die grauen Häuser so ansehe.

Ich weiß, dass ich gerade ein sehr negatives Bild dieser Stadt zeichne. Aber ich kann einfach nicht anders – wenn eine Stadt sich nur über ihren Weltkriegshintergrund definiert, dann macht mich das immer ein bisschen traurig. Dabei ist die Lage hier wirklich perfekt und ich bin mir sicher, dass Narvik auch bestimmt noch mehr zu bieten hätte. Ich bin ehrlich gesagt froh, als ich die Stadt wieder verlasse. Vielleicht komme ich irgendwann noch einmal hierher, um meine Eindrücke zu überprüfen. Doch bis dahin bleibt mir von Narvik nur eines im Gedächtnis: Atemberaubende Berge, ein wunderschöner Fjord, und dazwischen eine graue Stadt.

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