Nördliche Breitengrade

Als ich Narvik wieder verlasse ist es Mittag. Nur 222 Busstops später (kein Witz, ich habe gezählt) komme ich spät abends in Storslett an. Storslett ist eine verschlafene Stadt im Norden Norwegens, die auf den meisten Karten wohl nur in ausreichend großem Maßstab auftaucht. Es ist stockdunkel als ich aus dem Bus trete, noch dazu windet es höllisch – mein Abenteuergeist ist sofort gedämpft. Gott sei Dank muss ich nicht noch irgendwohin laufen und eine Unterkunft suchen. Nein, als ich meinen Rucksack aus dem Gepäckfach hole werde ich tatsächlich schon erwartet. In den nächsten Wochen werde ich im Polarkreis arbeiten.

Um das vorab zu klären: Polarkreis ist nicht gleich Nordpol. Ich werde nicht für den Weihnachtsmann arbeiten, wie viele mich gefragt haben (auch wenn ich das liebend gerne machen würde… ich meine, der Weihnachtsmann!). Der nördliche Polarkreis (der südliche ist logischerweise der um den Südpol) markiert das Polargebiet und ist eine gedachte Linie, auf der die Sonne an den Tagen der Sonnenwende nicht mehr auf- bzw. untergeht. Er verläuft durch mehrere Länder, zum Beispiel Russland, Kanada, Grönland, und eben auch den Norden Norwegens.

Obwohl ich nicht direkt am Nordpol bin, ist die Gegend hier trotzdem sehr weit oben auf der Karte. Es klingt absurd, aber der Abstand zwischen hier und Oslo ist fast genauso groß wie der zwischen meiner Heimatstadt Freiburg und Oslo – ich bin inzwischen über 2.500 km Luftlinie von Zuhause entfernt. Eine Zahl, die mich ehrlich gesagt mit Stolz erfüllt. Wenn ich daran denke das ich Angst hatte, nach zwei Wochen wieder umzudrehen und nach Hause zu gehen, muss ich jetzt lachen. Ich habe es tatsächlich schon so weit geschafft, und das ohne jemals ein Flugzeug zu besteigen.

Die Dame die auf mich wartet heißt Karina – eine Frau mit freundlichem Grinsen der man sofort ansieht, dass sie wahrscheinlich in ihrem Leben mehr Zeit unter freiem Himmel als in irgendwelchen Gebäuden verbracht hat. Mein erster Gedanke ist: „Die weiß, wo der Hase langläuft.“. Und wirklich: Wenn Karina über das Leben hier oben spricht, dann lernt man nicht nur etwas Neues, sondern kann auch ihre Liebe zu dieser Region heraushören. Ich schließe sie sofort ins Herz.

Nach einer kurzen Vorstellung gehen wir schnell einkaufen und machen uns dann auf den Weg. Für gut eine halbe Stunde fahren wir durch eine alles einnehmende Dunkelheit, die nur von den Scheinwerfern unseres Autos vertrieben wird, und ich bin froh, das Karina den Weg wie ihre Westentasche kennt. Unser Ziel ist der kleine Ort Sappen. Wer denkt, Storslett wäre klein, hat keine Ahnung von Sappen: Gut 50 Einwohner bevölkern das Tal, welches praktisch mitten im Nirgendwo liegt. Als wir ankommen sehe ich aber auch von diesem Nirgendwo praktisch nichts außer ein paar beleuchteten Fenstern – mir ist es aber auch ziemlich egal, denn langsam werde ich müde.

Karina zeigt mir nur mein Zimmer und verabschiedet sich dann. Obwohl ich kaum noch die Augen offen halten kann packe ich meinen Rucksack aus, denn zum ersten Mal seit Monaten habe ich einen eigenen Schrank! Nachdem ich auch den oberen Part des Etagenbetts in meinem Zimmer bezogen habe (ich habe ein Etagenbett!) kann ich mich endlich in die Decke kuscheln und einschlafen.

Eine gute Portion Tiefschlaf später wache ich auf und ziehe die Vorhänge meines Zimmerfensters zurück – nur um völlig überrascht nach draußen zu starren. Praktisch direkt hinter dem Haus erstreckt sich eine riesige Bergkette, deren schneebedeckte Spitzen mich an Narvik erinnern. Dazwischen liegt ein kleiner Wald, und in der Ferne kann ich sogar einen Fluss ausmachen. Die Umgebung wirkt surreal, fast so als hätte jemand einen Green Screen vor dem Fenster aufgestellt um mir diese filmreife Landschaft vorzugaukeln. Ich muss lächeln, und in diesem Moment weiß ich, dass ich hier eine großartige Zeit haben werde.

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