Leirskole

Zeit, über meine Arbeit in Sappen zu schreiben.

In den ersten zwei Tagen habe ich frei. Die meiste Zeit verbringe ich damit, mir die Gegend anzusehen. Wie ich bereits erzählt habe ist Sappen ein unglaublich kleines Dorf, wobei der Begriff „Dorf“ vielleicht etwas irreführend ist – „ein paar schlichte Häuser die entlang einer einzigen Straße immer wieder aus dem Wald ragen“ trifft es eigentlich besser. Ich laufe mehrere Kilometer entlang des Straßenrandes in beide Richtungen (ohne auf irgendwelche Autos zu treffen), spaziere durch den Wald und besuche alle vier Seen. Viel mehr gibt es hier nicht zu tun, und ich glaube wenn man Sappen in einem Wort zusammenfassen kann, dann wohl „ruhig“.

Mitten im Tal liegt mein derzeitiger Arbeitsplatz, von Karina nur „die Schule“ genannt. Tatsächlich handelt es sich auch um ein altes Schulgebäude, in dem die Kinder der Gegend unterrichtet wurden. Vor ein paar Jahren hat Karinas Familie das Gelände gekauft und eine Art Hostel aus dem ganzen gemacht. Die Hauptarbeit ist aber tatsächlich noch dieselbe, denn im Sommer kommen Schulklassen für ein paar Wochen hierher und haben Unterricht in der Natur. In Norwegen sind die Gesetze nämlich ein bisschen anders: Jedes Kind hat das Recht auf diese Art von Unterricht, und so lernen die Kinder hier neben Landeskenntnissen auch Feuermachen, Bäume erkennen und Kanufahren. Ziemlich cool, wenn ihr mich fragt.

Ich bin leider zu spät hier, um die Hauptsaison zu erleben. Genauer gesagt, ich bin absolut alleine. Keine Touristen, keine Schulklassen, nicht mal andere Arbeiter sind hier, und tagsüber ist Karina bei ihrer Arbeit in Storslett. Bevor ich hergekommen bin hatte sie mich gefragt: „Hast du ein Problem damit alleine zu sein?“ Jetzt weiß ich, warum sie das wissen wollte.

Ich bin froh, als ich endlich anfangen darf zu arbeiten – es wurde langweilig durch die Gegend zu laufen und mir vorzustellen, ich sei die letzte Überlebende der Apokalypse. In den nächsten Tagen geht es nur darum, Holz zu machen, denn im bevorstehenden Winter wird das Haus nur mit Feuer beheizt. Ich bin froh, bei Lars richtige Arbeitskleidung gekauft zu haben, denn es ist schon ganz schön kalt draußen. Im Prinzip stapele ich erst so viel Holz wie möglich in den Heizraum, dann fülle ich große Säcke mit dem Rest. Es ist anstrengend, aber wie schon bei Lars mag ich das Gefühl, am Ende des Tages wirklich sehen zu können was man geschafft hat.

Wenn es draußen regnet kann ich auch drinnen arbeiten. Dadurch, dass ich hier alleine bin, kann ich mir meine Aufgaben frei einteilen. Im Haus ist es hauptsächlich putzen und Instandhaltung: Zwei Tage verbringe ich damit, im Restaurant jedes Glas umzudrehen, damit ich auch wirklich jeden Winkel säubern kann, danach beginne ich den Boden im Waschraum zu streichen. Im Prinzip bin ich Hausmeisterin am Ende der Welt.

Die wichtigste Aufgabe ist allerdings das Feuer zu hüten. Etwa alle drei Stunden muss neues Holz in den Ofen geworfen werden, außerdem muss ich auf die Temperatur achten und jeden zweiten Tag die Asche kehren. Das Haus wird nur über den Ofen beheizt (das schließt leider das Wasser mit ein…), wodurch jeder Fehler spürbar ist. Da ich aber auch nachts allein im Haus bin (Karina schläft in einem anderen Gebäude), ist es auch meine Aufgabe, mitten in der Nacht von meinem Zimmer im zweiten Stock zum Heizraum im Keller zu laufen – Gänsehaut vorprogrammiert. Eines haben mich diese nächtlichen Wanderungen aber jetzt schon gelehrt: Ich kann viel schneller rennen als ich dachte.

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