Treibjagd im Polarkreis

Die Menschen hier sind… anders. Ich glaube, es liegt an der Umgebung. Die Natur hier ist sehr rau und zwar nicht direkt unberührt, aber trotzdem irgendwie wild.. Mir wird es so erklärt, dass wir Menschen heutzutage die Natur als etwas separates sehen, etwas außerhalb unserer Großstädte und sicheren Wohnungen. Diese Einstellung ist aber falsch: wir sind Teil der Natur, nichts weiter als ein Puzzlestück in einem riesigen Legebild. Hier im Polarkreis sind die Menschen sich dessen noch bewusster, leben von dem, was die Natur ihnen gibt. Ganz besonders fällt mir das auf, als ich Karina auf die Elchjagd begleiten darf.

Ich war ja schon mit ein paar Mal mit Lars jagen, wie ich es auch im Beitrag Waidwerk am Morgen beschrieben habe. Das hier ist allerdings etwas anderes. Während im Süden Norwegens das Jagen von den meisten als Teamsport betrieben wird und hauptsächlich dazu da ist, mit anderen in Kontakt zu treten und draußen in der Natur zu sein, steht hier ein gewisser Druck dahinter. Im Polarkreis wird vor allem gejagt, um die Vorratskammer für den Winter aufzufüllen.

Etwa 15 Leute (also praktisch die Hälfte aller Einwohner Sappens) reden in tarnfarbener Klamotte und tief über Karten gebeugt so ernst über ihr Vorgehen, dass es mir vorkommt, als würden wir etwas viel gefährlicheres tun als jagen zu gehen. Da ich sowieso kein Wort norwegisch verstehe, stehe ich wenig hilfreich daneben und male mir aus, wie wir den Überfall auf die königliche Schatzkammer planen. Meine Gangster-Stimmung hält in etwa so lange an, bis mir einer der Männer eine kreischend gelbe Warnweste gibt. Als ich ihn verständnislos anblicke zwinkert er mir nur zu: „Believe me, when there are hunters with rifles and shotguns out there, you want to be seen.“

Wie sich herausstellt jagen wir heute in zwei Gruppen: Jäger und Treiber. Während ich mit Lars immer nur an einer strategisch guten Stelle saß und gewartet habe, positionieren sich die Jäger hier in einem Halbkreis im Wald. Die Treiber in einem weiten Bogen mit Hunden auf sie zu und schrecken so die Tiere auf, die in Richtung der Jäger laufen. Logischerweise bin ich in der Gruppe der Treiber, und ich freue mich wahnsinnig als es schließlich losgeht.

Tatsächlich bin ich das erste Mal bei einer Jagd nützlich und kann etwas tun, worin ich so richtig gut bin: So laut wie möglich durch den Wald stapfen. Jeder Zweig auf dem Boden wird zertreten, ich summe leise vor mich hin und unterhalte mich laut mit Karina, die etwa zehn Meter weiter mit ihrem Hund Ronja läuft. Eine gefühlte Ewigkeit trampeln wir buchstäblich durch die Gegend ohne etwas zu sehen. Nach drei Stunden laufen wir alle an einem Punkt zusammen und warten – laut einem der Jäger soll ein Elch in der Nähe sein.

Ich weiß nicht was ich erwartet habe, aber es passiert… absolut nichts. Eine weitere halbe Stunde stehen wir so still wie möglich zwischen den Nadelbäumen, doch kein Elch ist in Sicht. Schließlich machen wir uns auf den Weg zurück zu unserem Ausgangspunkt. Ich bin heilfroh, denn so langsam beginnt die Kälte in meine Kleidung zu kriechen.

Es gibt nichts cooleres, als mit Jägern zu Mittag zu essen. Über offenem Feuer braten wir Speck und Käse, dazu gibt es selbstgemachte Brötchen und Schokolade. Ich stehe die meiste Zeit in der Nähe der Flammen und beobachte die anderen. Auch wenn ich nicht wirklich viel von dem verstehe das sie sagen, an ihren breiten Grinsen und dem gemeinschaftlichen Lachen kann ich erkennen, wie viel Freude ihnen diese Aktivität auch ohne Erfolg bereitet.

Bevor die Sonne untergeht wollen wir es noch einmal versuchen, doch dieses Mal lassen wir die Hunde los. Ronja ist noch relativ jung und sehr schnell, weshalb es gut ist, dass man Hunde heutzutage tracken kann. Auch dieses Mal sehen wir keine Tiere, nur ihre Spuren. Bei einem großen Haufen umgewühlter Erde muss ich allerdings doch schlucken. Was ich für einen Platz zum Wälzen für einen Elch oder vielleicht ein Wildschwein gehalten habe, ist in Wirklichkeit Zeuge ganz anderer Waldbewohner: Bären.

Am Ende des Tages haben wir nichts geschossen und sind vom vielen Laufen müde. Auch wenn ich persönlich nicht so scharf darauf bin, jedes Wochenende so zu verbringen, hat es doch irgendwie Spaß gemacht. Und als wir uns abends nochmal alle treffen und traditionellen Schafseintopf essen, bin ich mehr als zufrieden mit dem Tag.

  1. Du schreibst sehr genau wie sich die Menschen eigendlich verhalten sollten. In Norwegen leben viele mit der Natur,denn wir sind ja auch nur ein Puzzle davon.Aber der größte Teil raubt nur. Das bekommen wir aber wieder. Das Jahr nat uns gezeigt, wer eigendlich die Macht hat.Hoffendlich denkt die Menschheit bald um. deshalb ist es wichtig das das du gut beschrieben hast. A&M

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