Der Wal und die Jagd

Zeit, mich unbeliebt zu machen.

Es ist einfach über etwas zu urteilen, wenn man seine Heimat nie verlässt und somit alles immer nur vom selben Standpunkt aus betrachtet. Vor allem in unserer heutigen digitalen Zeit geht es so schnell, dass man eine feste und oft bereits vorgefertigte Meinung zu einem Thema hat, ohne sich überhaupt richtig damit beschäftigt zu haben. Da die Medien aber bekannterweise nicht immer unbedingt die Wahrheit erzählen und auch die ersten drei Suchergebnisse im Internet nicht alle Seiten eines komplexen Themas abdecken, fallen oft unterschiedliche Meinungen und Perspektiven unter den Tisch. Wenn man dann doch mal seinen Rahmen verlässt und sich auf andere Kulturen und Ideen einlässt, dann kann es sein, dass man auf einmal etwas ganz Besonderes spürt – das Verschieben des eigenen Blickwinkels.

Bevor ich mich auf den Weg nach Skandinavien gemacht habe, war Walfang in meinem Leben kein großes Thema. Als Kind hatte ich ein Buch über bedrohte Tierarten, dass viele grausame Zeichnungen von Harpunen und aufgeschnittenen Walen hatte. Später habe ich wie die meisten Menschen in Mitteleuropa immer mal wieder eine Kampagne von Greenpeace gesehen, die gegen die Walfangindustrie demonstrierten. Abgesehen davon hat das Thema mein Leben nie wirklich tangiert. Aber hätte man mich gefragt, hätte ich mich definitiv gegen den Walfang ausgesprochen.

Es überrascht also wenig, dass ich überhaupt nicht auf dem Schirm hatte, dass Norwegen eines der drei Länder ist, die noch aktiv Walfang betreiben. Als ich davon hörte war ich ziemlich überrascht – und auch angeekelt. Ich war mit Lars einkaufen gewesen und hatte im Kühlregal die Packung mit der Aufschrift „Walfleisch“ entdeckt. Sofort hatte ich ihn ungläubig danach gefragt, woraufhin er nur mit den Schultern zuckte: „Wo liegt der Unterschied zwischen einem Wal und einer Kuh?“ Natürlich hatte er damit nicht ganz unrecht, aber trotzdem verstörte mich die Vorstellung doch sehr. Ich meine, wer jagt denn bitte Wale?

Nachdem ich meinen Weg in den Polarkreis gefunden hatte, kam das Thema zu meinem großen Widerwillen erneut auf. Denn hier nahe Tromso ist die Waljagd Tradition, auch wenn sie vom Rest der Welt eher skeptisch betrachtet wird. Als ich mich mit jemandem unterhalte, der mit dem Walfang aufgewachsen ist, beginne ich meine Sicht der Dinge zu hinterfragen. Mit dieser Unterhaltung falle ich immer tiefer ins Kaninchenloch, suche im Internet und in der lokalen Bibliothek nach Infos, unterhalte mich mit Ansässigen und frage sogar Lars, ob ich ihn am Telefon noch einmal dazu interviewen kann.

Norwegen ist neben Japan und Island eines der letzten Länder, die noch kommerziellen Walfang betreiben. Allerdings werden hier von den über 70 verschiedenen Walarten der Erde ausschließlich Minkwale gejagt, auch Zwergwale genannt. Diese werden auf der roten Liste mit „Least Concerned“ gekennzeichnet – sind also folglich nicht vom Aussterben bedroht. Es gibt weltweit über 160.000 Exemplare von ihnen, davon leben nur etwa 30.000 in norwegischem Gebiet und dürfen somit gejagt werden. Jedes Jahr setzt die Regierung eine Quote fest, die sich an der derzeitigen Population orientiert und nicht überschritten werden darf. 2018 lag sie bei 1.287 Minkwalen, die theoretisch erlegt hätten werden dürfen.

So weit, so gut. Klingt erst mal vernünftig. Wenn ich den Walfang in Norwegen google, bekomme ich trotzdem auf den ersten Seiten nur Überschriften wie „Norwegen erhöht völlig unnötig Walfangquote“ oder „Brutaler Massenmord and sanften Riesen“ zu sehen. Es scheint fast so, als wäre der Walfang hier das einzige worüber sich die Menschen in Mitteleuropa universell einig sind. Die für mich entscheidenden Informationen finde ich deshalb nicht im Internet, sondern im direkten Gespräch.

Ein Satz, der mich besonders zum Nachdenken anregt, ist folgender: „Vielleicht hat der Jäger ein besseres Verständnis für die Natur als diejenigen, die nur in den Wald gehen um zu spazieren.“ Schon während der Elchjagd ist mir aufgefallen, wie Naturverbunden die Menschen im Polarkreis sind. Inzwischen weiß ich, dass Naturverbunden das falsche Wort ist – „natürlich“ passt viel besser. Eine der grundlegenden Weisheiten, die immer wieder aus den Aussagen der Menschen hier herausdringt, ist dass die Menschheit keinen Grund hat, sich der Natur überlegen zu fühlen. Gerade in großen Städten nehmen wir Natur als etwas Separates wahr, etwas, das man an Sonntagnachmittagen mit der Familie beim Waldspaziergang erleben kann. In Wirklichkeit sind wir aber immer noch Teil des riesigen Ökosystems, dass die Natur darstellt, auch wenn wir uns in Wüsten aus Beton verstecken. Gerade wegen dieses Eingreifens unsererseits ist es wichtig, das sensible Gleichgewicht zwischen den Spezies zu wahren – denn Menschen und Tiere leben in einer Symbiose. Der Norweger mit dem ich zuerst rede sagt im Laufe unseres Gespräches: „If something doesn’t die, nothing else can’t live“. Worte, die zwar ein bisschen nach einer Ausrede klingen, mir aber noch lange durch den Kopf gehen.

„You can argument as much as you want, it’s always a question of taking a life.“ Es lässt sich nicht viel darüber diskutieren: wenn ein Wal getötet wird, dann ist das sicherlich kein schönes Erlebnis, und ich beschäftige mich bei meiner Recherche auch mit diesem Aspekt. Ich sehe Gott sei Dank nur Fotos, aber selbst davon wird mir leicht schlecht. Fischer, die an Deck buchstäblich durch Blut waten können sind einfach kein freundlicher Anblick. Auch heute noch werden Wale mit Harpunen gejagt, wenn auch mit viel „humaneren“ Versionen als noch vor hundert Jahren. Wale, die nicht direkt sterben, werden erschossen, um ihnen stundenlanges Leiden zu ersparen. Es dauert etwa eine halbe Stunde, um einen Minkwal zu flensen, das bedeutet ihn aufzuschneiden und den Speck abzuziehen. Von einem Wal kann man logischerweise viel Speck gewinnen, allein das Herz wiegt durchschnittlich zehn Kilogramm. Die Größe des Wals wird schon vorher gemessen und an die zuständige Stelle weitergeleitet, denn seit dem Krieg wird die Waljagd streng reguliert. Auch wenn die Waljagd gerade weiter nördlich große Tradition hat, traditionell gejagt wird heute nicht mehr.

Die Bilder der aufgeschnittenen Wale sind grausam anzusehen, aber andererseits finde ich es nicht viel schöner zu sehen, wie eine Kuh oder ein Schwein geschlachtet wird. Ein Tier nur zu schützen weil es niedlicher als ein anderes ist ergibt keinen Sinn – auch wenn eine Kampagne viel besser mit süßen Robbenbabys funktioniert. Auf der anderen Seite werden Spezies wie Thunfisch oder Lachse noch immer überfischt – der Aufruhr darüber hält sich aber in Grenzen.

Ein weiterer Aspekt ist mir am Anfang auch gar nicht richtig bewusst. Die Wale werden ja nicht zum Spaß gejagt, sondern als Nahrungsquelle. Würde man den Walfang verbieten, müsste man logischerweise auf andere Lebensmittel umsteigen. Der Polarkreis ist nicht unbedingt die landwirtschaftlich nutzbarste Gegend dieser Erde, und mehr Nahrung vom anderen Ende des Planeten zu importieren ist nicht gerade gut für die Umwelt.

Am Anfang meiner Nachforschungen stand ich dem Thema Walfang sehr skeptisch gegenüber. Inzwischen weiß ich, dass es zumindest in Norwegen keine Bedrohung der Walpopulation darstellt (in Japan sieht es da schon ganz anders aus). Zudem gibt es strenge Regelungen der Regierung, und wenn sie die Walfangquote höher setzt, dann weil auch die Minkwalpopulation gestiegen ist. Ich für meinen Teil werde beim nächsten empörten Artikel über ein Thema das mich nicht direkt betrifft zumindest ein bisschen skeptischer sein – man weiß nie, welche Perspektive man vielleicht außer Acht gelassen hat.

Übrigens: Eine Woche nachdem ich mich zum ersten Mal richtig über den Walfang in Norwegen unterhalten habe, wurde ich zu einer Familienfeier eingeladen. Auf dem Speiseplan: Wal. Ein bisschen zögerlich habe ich dann doch probiert. Der Geschmack ist tatsächlich nicht so außergewöhnlich, und die Konsistenz etwas zäh. Naja, ich schätze das ist Geschmackssache.

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