Das Ende der Einsamkeit

Ironischerweise endet meine Einsamkeit genau an Halloween. Ab heute wohnt Sam mit mir in Sappen – nicht etwa ein Untoter, nur ein Italiener. Er hat sich genauso wie ich dazu bereiterklärt, in der Schule am Ende der Zivilisation auszuhelfen. Auch wenn ich das Alleinsein nicht wirklich schlimm fand bin ich doch beruhigt, jemanden im Haus zu haben, vor allem weil ich die Finger nicht von meinen geliebten Horror-Podcasts lassen kann. Es ist so viel einfacher, in einem alten Haus zu leben wenn man nicht alleine ist. War das eine knarrende Stufe? Wahrscheinlich nur Sam, der sich ein Glas Wasser holt. In den nächsten Wochen werden wir also zusammen arbeiten und die Leere hier draußen teilen. Als er sich direkt bereiterklärt, sich Abends ums Feuer zu kümmern, mag ich ihn noch mehr.

Sams Dasein bringt aber noch einen weiteren Vorteil mit sich, denn er hat einen Führerschein. Bereits am ersten Wochenende fragen wir Karina nach ihrem Auto, und sie überlässt uns tatsächlich ihren kleinen blauen Wagen. Schon am Freitag fahren wir damit nach Storslett zum Einkaufen. Wir haben in Sappen zwar alles was wir brauchen, aber der Mensch lebt ja bekanntlich nicht von Brot allein, und so begeben wir uns auf die Suche nach Schokolade und Wein.

Bevor wir aber irgendwo hin können, müssen wir erst tanken. An der Tankstelle stellt sich uns das erste Rätsel, denn keiner von uns weiß, wie man den Tankdeckel öffnet. Wir suchen nach einem Schalter, googlen das Modell, nach zehn Minuten Ratlosigkeit machen wir ein Foto und schicken es Karina. Man beachte, dass sich der Wagen zu diesem Zeitpunkt etwa 15 Minuten in unserem Besitz befindet. Als wir endlich den kleinen Hebel unter dem Lenkrad betätigen, kommt direkt die nächste Frage auf: Benzin oder Diesel? Das alle Beschreibungen auf Norwegisch sind, macht das Ganze nicht einfacher. Lachend mache ich mich auf den Weg um nach Hilfe zu suchen, denn inzwischen stehen wir schon eine halbe Stunde an der Tankstelle. Die Frau, die ich frage kommt mir vage bekannt vor, und sie zeigt uns bereitwillig wie man in Norwegen richtig tankt. Irgendwann schaut sie mich schief an: „Warst du nicht das letzte Mal mit uns Jagen?“ Die Welt ist klein.

Schokolade zu finden ist einfach, auch wenn sie hier verdammt teuer ist. Der Wein gestaltet sich schon etwas schwieriger, außer Bier finden wir in den Regalen nichts. Ratlos suchen wir in mehreren Supermärkten danach, bis uns wieder einfällt, dass Alkohol über 5% in Norwegen nur in speziellen Geschäften verkauft wird. Wenig später stehen wir auch in einem solchen und diskutieren ohne viel Ahnung auf Englisch über Weine aus unseren Heimatländern. Der Verkäufer sieht uns nur ein bisschen seltsam an.

Bevor wir uns auf den Heimweg machen, wollen wir noch etwas von Storslett sehen – das Problem ist nur, es gibt hier nicht viel zu sehen. Storslett hat nicht wirklich viele Touristenattraktionen, und so machen wir uns kurzerhand auf den Weg in die lokale Bibliothek. Im Untergeschoß steht ein großes Schachbrett, und Sam zeigt mir wie man spielt. Ich wollte schon immer Schach lernen, und nach der ersten Runde installieren wir beide auf unseren Handys eine Schach-App um zuhause weiterzuspielen.

Auf dem Rückweg halten wir etwa 200 Mal an, um die Landschaft zu fotografieren. Bei einem See bleiben wir verblüfft stehen, denn er ist komplett zugefroren. Sam wirft einen Stein in der Größe seines Kopfes aufs Eis, und man sieht gerade mal einen Kratzer. Nach etwas Zögern tapsen wir beide auch auf die Eisfläche und machen Fotos, bevor wir nach Hause gehen und Mittagessen kochen. Sam bringt mir bei, wie man die richtige Bolognese macht, die im Original Ragout heißt und mindestens vier Stunden kochen muss.

Am Ende wird es ein ziemlich schönes Wochenende. Am Sonntag wandern wir sogar mit den Hunden auf einen der Berge, und auf dem Rückweg finde ich im Wald ein Bier (ja, ich habe es getrunken). Auch wenn ich anfangs etwas skeptisch war: ich bin froh, dass Sam da ist.

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