Götter und Helden

Etwas, das mich schon immer fasziniert hat, sind die verschiedenen Religionen und Mythologien, die unterschiedliche Kulturen dieser Welt hervorgebracht haben. Als ich sieben Jahre alt war, fand ich im Bücherregal meiner Großeltern einen Sammelband über griechische Mythologie nach Homer – ein Buch mit über 1000 Seiten, eins der dicksten Bücher die ich bis dato je gesehen hatte. Immer wieder habe ich es aus dem Regal gestohlen und darin gelesen, bis mein Großvater es mir zum Geburtstag schenkte. Als ich älter wurde kam ich dann in eine ägyptische Phase, und mit 15 kaufte ich auf dem Flohmarkt meine erste Ausgabe der Edda.

Wie man sich denken kann, versuche ich meine Zeit im Polarkreis zu nutzen um zu versuchen, die Hintergründe dieser Geschichten ein bisschen besser zu verstehen. Denn eine Frage hatte sich mir gerade im Bezug auf die nordische Mythologie immer wieder gestellt. Wenn ich mir zum Beispiel die griechische Sagenwelt anschaue, wird eines direkt klar: die Götter mögen die Menschen nicht sonderlich. In unzähligen Geschichten wird davon berichtet, wie wenig sie von uns halten, und auch wenn man argumentieren kann, dass eine gewisse Angst vor uns mitspielt, ist doch ganz klar eine Hierarchie erkennbar. Götter oben, Menschen unten.

Im nordischen Pantheon ist zwar auch klar, dass die Asen (Thor und Co.) viel mächtiger als die Menschen sind, aber dieses Machtgefüge ist nicht so stark ausgeprägt. Zudem sind die Asen viel verwundbarer dargestellt. Ein wunderbares Beispiel dafür ist Odin. Immer darum bemüht, mehr Weisheit zu erlangen, nimmt er in den Geschichten viel in Kauf, gibt sogar eines seiner Augen her um aus einem Brunnen zu trinken, der ihm mehr Wissen verleiht (in manchem Versionen sind es sogar beide Augen). Der entscheidende Punkt ist hier, dass Odin nicht von Anfang an allmächtig ist und alles weiß – er erarbeitet sich das Wissen. Währenddessen kann Zeus sein Ding nicht in der Hose lassen und verursacht jede Menge Probleme (und wenn wir ehrlich sind lässt sich beinahe die gesamte griechische Mythologie mit diesem Satz zusammenfassen).

Wenn ich hier oben die Natur anschaue, meine ich diesen Ansatz in den Geschichten über Odin, Frick und Thor ein bisschen besser zu verstehen. Die Landschaft hier ist karg, es wird extrem kalt im Winter und das halbe Jahr lang ist es stockdunkel, während in der anderen Hälfte die Sonne nie untergeht. Im Vergleich dazu ist ein Leben im südlicheren Europa wie Urlaub. Allein schon aus diesem Grund haben die Menschen hier andere Bedürfnisse was ihre Geschichten betrifft. Hier braucht man keine allmächtige Gottheit die jedes Fehlverhalten bestraft – hier braucht man Vorbilder die einem zeigen, dass mit ein bisschen Mut alles erreicht werden kann.

Ein weiteres gutes Beispiel ist Religion. Im Mittelalter versuchte die Kirche, das Christentum auch in anderen Ländern zu verbreiten. Resultat sind die Geschichten über die Kreuzzüge und eine leider sehr blutige Spur durch Europa. Aber hier oben hat die Bibel es nie wirklich geschafft, die nordischen Göttersagen zu vertreiben (warum Norwegen trotzdem christlich wurde ist eine andere, aber nicht minder spannende Geschichte). Man kann merken, dass versucht wurde, die „heidnischen“ Traditionen mit dem Christentum zu verbinden, wie es oft getan wurde um die Menschen zum Konvertieren zu bewegen. Beispielsweise gibt es eine Erzählung, in der sich Odin am Weltenbaum erhängt und für mehrere Tage tot ist, um danach noch weiser zurückzukehren. Dieses Symbol der Widergeburt kennen wir aus der Bibel: auch Jesus ist von den Toten auferstanden.

Natürlich ist alles hier reine Spekulation meinerseits, aber wenn ich die Menschen und ihre Einstellung hier ansehe, kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass etwas wie der Ablasshandel, der in Deutschland die Menschen verängstigte, hier funktionieren würde. Vielleicht liege ich auch komplett falsch. So oder so, meinen Respekt haben die Norweger.

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