Dark

Mein Wecker klingelt, und ich schaue mit einem verschlafenen Seufzen auf mein Handy: 09:00 Uhr. Obwohl ich so lange geschlafen habe fühlt es sich an, als wäre es noch mitten in der Nacht. Einen Moment lang überlege ich einfach liegen zu bleiben und noch ein bisschen zu schlafen, dann quäle ich mich doch aus dem Bett und ziehe mich an. Aus reiner Gewohnheit ziehe ich die Vorhänge zur Seite. Schon mehr als einmal habe ich darüber nachgedacht, sie einfach zuzulassen – es macht inzwischen keinen Unterschied mehr.

Am Anfang meiner Zeit hier habe ich meistens Müsli gefrühstückt, aber Sam hat ein bisschen italienische Lebensweise mit sich gebracht: Biscotti und Tee. Da man hier keine italienischen Kekse bekommt, habe ich angefangen zu backen. Ich stehe ja sowieso jeden Tag in der Küche. Am Küchentisch versuche ich wach zu werden und gehe meiner Routine nach, aus dem Fenster zu schauen. Irgendwann habe ich angefangen, beim Blick nach draußen meine Gedanken zu sortieren und den Arbeitstag zu planen. Sam macht sich immer ein bisschen lustig über mich, wie ich da ins Nichts starre, immerhin gibt es absolut nichts zu sehen.

Dann fangen wir an mit Arbeiten. Je nachdem was ansteht teilen wir uns auf und übernehmen unterschiedliche Aufgaben. Ich übernehme die Planung, zu meiner eigenen Verwirrung hat sich herausgestellt das ich Teamleader bin und somit die Verantwortung trage. Wir streichen viel, putzen das Haus oder sind draußen am Holz machen. Danach geht Sam meistens mit den Hunden spazieren und versucht, trotz des Dämmerlichts ein bisschen frische Luft zu schnappen. Wenn ich nicht mit ihm mitgehe, verbringe ich meine Zeit meistens in der Küche und probiere neue Rezepte aus. Es ist klasse wenn man eine ganze Industrieküche für sich alleine hat, vor allem wenn man gerade erst seine Liebe zum Kochen und Backen entdeckt hat. Wenn Sam nach Hause kommt machen wir meistens gemeinsam Mittagessen.

Am Nachmittag haben wir frei. Manchmal gehen wir draußen spazieren, an anderen Tagen bleiben wir lieber drinnen und spielen zum Beispiel Basketball in der Halle oder eine Runde Schach vor dem Kamin. Heute sind wir draußen zum Fußball spielen, Sam steht im Tor und ich schieße. Auf der anderen Seite des Platzes erleuchtet eine einzelne Laterne unser Spiel und zeigt auch den Weg zur Hauptstraße. Es ist bitterkalt, aber durch die Bewegung wird uns warm. Bevor wir reingehen zeigt Sam mir noch, wie man ohne Anlauf über den Zaun springen kann.

Abends gehen wir oft in die Sauna. Wir haben eine im Haus, also warum sollten wir sie nicht nutzen? Wie sich herausgestellt hat vertrage ich die Hitze aber besser als er, weshalb ich meistens etwas länger bleibe. Er liest viel, ich schreibe eher. Die Sauna liegt im Untergeschoss, und meistens lassen wir das Licht in den Fluren an. Ohne ist es uns einfach zu dunkel.

Wenn Karina von der Arbeit kommt, essen wir gemeinsam. Manchmal kocht sie traditionelle norwegische Gerichte, manchmal probiere ich sogar etwas Deutsches aus. Meine selbstgemachten Käsespätzle mit Rahmsoße und geschmelzten Zwiebeln kommen sehr gut an; ich habe den Nachteil zu wissen wie sie eigentlich schmecken sollten. Danach lerne ich von ihr Stricken, oder Sam und ich sehen uns einen Film an. Irgendwann geht man dann schlafen, meistens ohne eine genaue Ahnung wie spät es ist. Ich habe mein Zeitgefühl verloren, es ist einfach immer Nacht.

Bevor wir heute schlafen gehen, ruft Karina uns aber nach Draußen. Sam und ich ziehen beide so schnell wie möglich unsere warmen Jacken an, denn was wir sehen wollten verschwindet oft genauso schnell wie es aufgetaucht ist. Erst sind es nur ein paar grüne Streifen, die über den Himmel ziehen. Wir sind gerade am überlegen, wieder rein zu gehen, als die Striche auf einmal zu breiten Bändern werden. Innerhalb von Sekunden ist der Himmel mit tanzenden Lichtern erfüllt, die in Grün und Lila durch die Dunkelheit wirbeln. Ich hatte Nordlichter schon früher auf Bilder gesehen, aber das hier… das hier ist unbeschreiblich. Eine gefühlte Unendlichkeit stehen wir da und starren hinauf in die Nacht. Ich spüre die Kälte nicht mehr, es gibt nur noch uns und das Leuchten über uns. Ein unendliches Meer färbt den Himmel, und ebenso schnell wie es kam verschwindet es wieder. Noch einen Moment bleiben wir stehen, sprachlos von der Schönheit die wir eben gesehen haben, dann kriecht die Kälte langsam unter unsere Kleidung.

Es ist sehr anstrengend, wenn es immerzu dunkel ist. Jeden Tag verlieren wir mehr Sonnenlicht, und man spürt das der Körper antriebsloser ist. Aber in solchen Momenten, wenn die Nordlichter über den Himmel ziehen, und alles was man tun kann ist dazustehen und zu staunen – in solchen Momenten weiß man, warum man den ganzen Tag durchgehalten hat, hier in der Polarnacht.

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