Am Ende der Welt

03:30 Uhr. Mein Wecker klingelt und es fühlt sich an, als wäre ich eben erst eingeschlafen. Viel zu müde ziehe ich mich an und schnappe mir meinen bereits gepackten Rucksack. In der Küche treffe ich Sam, der mindestens genauso verschlafen ist wie ich. Nach einem kurzen Frühstück gehen wir zum Auto, und unsere Reise beginnt.

Ein paar Tage zuvor war Sam in der Sauna die Idee gekommen, ans Nordkap zu fahren. Wir sind zwar schon sehr weit nördlich, bis an den nördlichsten Punkt Europas sind es trotzdem noch über 400 Kilometer. Schwierig ist die Strecke aber, weil sie in dieser Jahreszeit wegen Wetter und Rentieren schnell unbefahrbar werden kann. Zudem müssten wir wegen unserer Arbeitszeiten am Samstag früh losfahren und bis spätestens Sonntagabend wieder da sein. Nach etwas abwägen fragen wir Karina, und sie stimmt zu uns ihr Auto zu leihen. Ohne groß nachzudenken entscheiden wir uns dafür, diesen Trip zu machen.

Die ersten Stunden fahren wir durch komplette Dunkelheit. Von Storslett aus führt eine einzige Straße ans Nordkap, weshalb es einfach nur geradeaus durch ein Meer aus Schwärze geht. Nach einer gefühlten Ewigkeit und Gesprächen über Gott und die Welt setzt endlich die Dämmerung ein, und wir sehen, das wir durch die Tundra fahren. Ich weiß nicht wie ich mir diesen Ort vorgestellt hatte, aber die schiere Weite macht mich sprachlos. Und egal wie abgeschieden all das wirkt, immer wieder sehen wir einsam ein Haus stehen, das tatsächlich bewohnt zu sein scheint.

Als wir am Nordkap ankommen, ist das Wetter ziemlich schlecht geworden. Der Himmel ist ein einziger grauer Wirbel der irgendwie viel tiefer hängt als er sollte. Normalerweise zahlt man auf dem Weg zum Nordkap den Eintrittspreis, aber durch das Wetter hatten die Mitarbeiter die Autoschalter räumen müssen. Als wir die Eingangshalle des Zentrums betreten, kommt uns eine Frau entgegengeeilt und fragt uns, wie lange wir bleiben wollen. Anscheinend ist ein heftiger Sturm auf dem Weg hierher, und in Fällen wie diesen schließen sie normalerweise das Zentrum. Allerdings soll der Sturm erst am nächsten Tag mit voller Wucht zuschlagen, weshalb wir das Nordkap doch noch sehen dürfen.

Wenn man Bilder des Nordkaps sieht, sieht man meistens beeindruckende Klippen und die Weltkugel vor einem endlosen Himmel. Als wir nach draußen treten, reißt der Wind sofort an unserer Kleidung, und ein paar Meter hinter den Klippen baut sich eine undurchsichtige Nebelwand auf, weshalb alle unsere Fotos einen weißen Hintergrund bekommen. Der Wind ist so heftig, dass ich mich reinlegen kann. Der Anblick der steilen Felsklippen ist trotzdem atemberaubend, und Sam und ich finden beide, dass wir diesen Ort wiedersehen müssen, wenn hier die Mitternachtssonne die Nacht in Helligkeit taucht.

Im Zentrum schauen wir uns die Kapelle an und ich schleppe Sam drei Mal in den Film den sie hier zeigen, weil ich ihn so gut gemacht finde. Ehrlich, wenn ihr jemals ans Nordkap geht, seht euch den Film an! Ich fand ihn so gut, dass ich ihn auf DVD gekauft und meinen Großeltern per Post geschickt habe. Mit dem berühmten braunen Käse und etwas Rentierwurst haben sie so einen kleinen Einblick in die Welt, die ich gerade entdecke.

Bevor wir uns auf den Weg nach Honningsvåg machen, um dort die Nacht zu verbringen, laufen wir noch einmal an den Klippen entlang. Das Wetter ist zwar immer noch ziemlich stürmisch, aber der Himmel ist etwas klarer geworden. Ich stelle mir vor, wie die Welt dort am Horizont einfach endet, eine riesige Kante, vom Nebel verborgen. So viel Imagination braucht man dafür gar nicht. Dadurch das außer uns fast niemand da ist, wirkt die Welt wirklich für einen Moment ganz anders, und für diesen Moment sind wir wirklich am Ende der Welt.

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