Tierische Weihnachten

Ich erinnere mich noch gut an die Nachricht meiner Mutter am Anfang Dezember: „Und was ist mit Weihnachten?“ Gute Frage. Ich habe noch nie Weihnachten ohne meine Familie gefeiert… Aber wenn ich ehrlich bin, will ich auch nicht nach Hause. Nach kurzem Zögern tippe ich meine Antwort: „Ich vermisse euch. Aber ich kann jetzt noch nicht nach Hause.“

Die Frage, wo ich Weihnachten aber stattdessen feiern werde, bleibt aber noch für eine Weile offen. Schließlich entscheide ich mich dafür, das Fest in Dänemark zu verbringen. Wer sich erinnert: ich war im August recht spät nach Aarhus gekommen und wurde von einem sehr netten jungen Mann aufgenommen, der mich zum Mambo-Tanzen mitgenommen hat. Pelle hat mich für Dezember eingeladen, und so steht eine dänische Weihnachtsfeier bei seiner Familie in Randers an.

Ich weiß nicht so Recht, wie ich mir Weihnachten in Dänemark vorstellen soll. So anders als in Deutschland kann es ja nicht sein, oder? Meine Familie in Deutschland hat für Heiligabend einen festen Ablauf: Alles ist ganz normal, bis man am Nachmittag in die Kirche geht und danach die Geschenke auspackt. Als Festtagsschmauß gibt es Würstchen mit Kartoffelsalat – nicht sehr feierlich, aber trotzdem war Weihnachten in Deutschland immer schön.

Es wird dieses Jahr aber nicht nur ein dänisches Weihnachten für mich, sondern auch ein tierisches. Pelles Vater und einer seiner Brüder sind Tierärzte und betreiben zwei Tierkliniken in Dänemark und Norwegen, zudem hat die Familie einen Stall mit Pferden etwas außerhalb der Stadt. Dorthin nimmt mich seine Mutter Grete auch direkt nach dem Frühstück mit, denn auch an Weihnachten brauchen die Ponies etwas zu Fressen. Sie zeigt mir wie man ausmistet und mit der Heugabel neues Futter in die Krippe legt. Als wir fertig sind, lächelt Grete mich an: „Möchtest du reiten?“

Wenn ich ehrlich bin, saß ich das letzte Mal auf einem Pferd als ich acht Jahre alt war. Etwas mulmig ist mir also schon, als ich mich wenig elegant in den Sattel hieve. Grete beruhigt mich aber und erklärt mir, wie die Kommunikation zwischen Reiter und Pferd im Idealfall funktioniert. Ich bin überrascht, weil sie ganz anders darüber spricht als die Reitlehrer aus dem Bauernhofurlaub. Sie beschreibt mir zum Beispiel, dass das meiste über Körpersprache funktioniert, und wie ich das Pferd ganz ohne Tritt in die Seiten und „HO!“ rufen zum Halten bewege: ich muss einfach nur mein Gewicht nach hinten verlagern und das Pferd spürt durch den Sattel das Kommando. Nach einer Weile reite ich sogar ohne Gretes Hilfe eine Runde um den Platz und bringe das Pferd in der Mitte zum Stehen. Stolz fahre ich wieder nach Hause, wo es erst einmal Mittagessen gibt.

Ein traditionelles Weihnachtsgericht in Dänemark ist tatsächlich Milchreis mit Zimt, Zucker und Butter. Allerdings gibt es in Pelles Familie eine witzige Modifikation. Als wie alle um den Tisch sitzen, bindet Grete ihrem Mann eine Augenbinde um und er verteilt blind den Milchreis auf unsere Teller. Danach wird gegessen, und irgendwie stochert jeder prüfend in seinem Brei herum. Der Grund sind zwei versteckte Mandeln, eine ganze und eine halbe. Wer eine der beiden findet, darf sich am Ende des Essens ein Geschenk aussuchen. Direkt nachdem mir die Regeln erklärt wurden, habe ich etwas Hartes in meinem Milchreis: Die halbe Mandel! Und tatsächlich bekomme ich als alle fertig sind eine Schachtel Pralinen in Schweineform überreicht. Nächstes Jahr muss ich das unbedingt mit meiner Familie probieren.

Auch in Dänemark geht man an Heiligabend in die Kirche, aber Pelle und ich gehen lieber eine Runde spazieren und Weihnachtsdekoration bewundern. Irgendwie gibt es in jeder Stadt dieses eine Haus, das so viele Lichterketten und winkende Santas aufhängt, dass die Stromrechnung im Dezember durch die Decke geht, oder? Zurück zuhause rufe ich meine Familie an und wünsche ihnen ein frohes Fest, und vielleicht habe ich zum ersten Mal seit fünf Monaten ein ganz klein bisschen Heimweh.

Als es Zeit für’s Abendessen wird, staune ich nicht schlecht: Es gibt tatsächlich eine gefüllte Gans, und der Tisch sieht aus wie aus einem amerikanischen Weihnachtsfilm. Bevor wir essen wird auf das Jahr angestoßen und Geschichten erzählt. Immer wieder wechseln die Gespräche die Sprache, sodass deutsch-dänisch-englische Wortfetzen den Festtagsschmaus begleiten. Die gesamte Familie sorgt dafür, dass ich mich willkommen fühle, und ich könnte mir keinen besseren Ort für Weihnachten 2018 vorstellen.

Ich lese gerade ein Buch als Grete auf einmal singend in den Raum kommt und einen nach dem anderen an der Hand nimmt, bis die ganze Familie durch das Haus und die Tierarztpraxis tanzt. Jetzt verstehe ich auch, warum der mit kleinen dänischen Flaggen geschmückte Weihnachtsbaum in der Mitte des Raumes steht, denn hier tanzt man darum und singt Weihnachtslieder. Ich versuche die dänischen Texte so gut es geht mitzumurmeln, aber die meiste Zeit muss ich sowieso lachen.

Gerade, als wir mit der Bescherung anfangen wollen, klingelt es an der Tür. „Wahrscheinlich die Tierklinik“, heißt es. „Lasst uns alle hingehen und frohe Weihnachten wünschen“, schlägt jemand vor. Wer da aber vor der Tür steht, hätte ich niemals erraten: Santa Claus selbst, komplett mit weißem Bart, rotem Anzug und einem großen Jutebeutel. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal den echten Weihnachtsmann treffe! Er ist sehr nett, redet von seinen Rückenschmerzen und das er keine Weihnachtsfeiern mehr sehen kann, und er hat tatsächlich auch für jeden ein Geschenke dabei – sogar für mich. Nachdem er ein ganzes Weihnachtsbier getrunken hat macht er sich wieder auf den Weg zu seinen Rentieren. Leider hat Pelles Bruder ihn nicht kennengelernt; er war kurz vorher auf die Toilette gegangen.

Es ist schon eine besondere Sache, in einer fremden Familie zu Weihnachten eingeladen zu sein. Ich hatte nicht damit gerechnet, irgendwelche Geschenke zu bekommen. Umso überraschter bin ich, als mir die ersten Päckchen in die Hand gedrückt werden. Ich bekomme eine Tasse, eine Schürze, ein Handtuch, ein Kissen, Hausschuhe und selbstgestrickte Socken! Ich habe das Gefühl, ein richtiger Teil der Familie zu sein – wahrscheinlich das schönste Geschenk von allen.

Was könnte jetzt noch kommen? Als wir gerade mit Auspacken beschäftigt sind, klingelt es wieder. Dieses Mal ist es tatsächlich für die Tierklinik: Eine Hündin ist dabei, ihre Welpen zu bekommen! Wir im Wohnhaus bekommen nicht sehr viel davon mit, aber wenig später kommt Pelles Bruder mit einem kleinen Bündel im Arm wieder. In ein blaues Handtuch gewickelt liegt ein winziger Welpe. Ich habe noch nie einen neugeborenen Hund gesehen, und ich bin mehr als überwältigt als er mir den Kleinen in die Hand legt. Vorsichtig streiche ich mit dem Handtuch das Blut aus dem schwarzen Fell. Der Welpe hatte schräg im Geburtskanal gelegen und so seinen Geschwistern den Ausgang versperrt. Jetzt ist er sehr geschwächt und braucht Aufmerksamkeit und Körperwärme, und sie sind sich nicht sicher, ob er die Nacht überleben wird.

Einen Großteil des Abends verbringe ich damit, den Welpen einfach nur in der Hand zu halten. Er ist sehr schwach, aber hin und wieder hebt er den Kopf und fiept. Ich glaube, ich habe noch nie etwas niedlicheres in meinem Leben gesehen… ein richtiges Weihnachtswunder 🙂

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