Zu jung

Zum Abschied hat Pelle mich zu einem Neujahrskonzert in Aarhus eingeladen, weshalb wir am Abend vor meiner Abreise in schicken Klamotten in Richtung Musikhaus laufen. Glücklicherweise hat eine von Pelles Mitbewohnerinnen vor kurzem ihren Kleiderschrank ausgemistet und mir ihre alten Kleider überlassen. Da wir in etwa dieselbe Größe haben, kann ich an diesem besonderen Abend ein rotes Kleid mit Spitzenbesatz tragen – so schön habe ich mich seit Monaten nicht mehr gefühlt, auch wenn die Turnschuhe nicht ganz ins Bild passen.

In Dänemark ist es im Winter auch ohne Schnee bitterkalt, und da Aarhus am Meer liegt, zieht ein eisiger Wind durch die Straßen und lässt uns noch schneller durch den Stadtpark rennen. Bevor wir ankommen meint Pelle: „Ich wette das durchschnittliche Alter liegt bei 35 oder so.“ Ich muss lachen: „Bist du dir da sicher?“ Immerhin gehen wir zu einem Konzert mit klassischer Musik. Bei unserer Ankunft stellt sich heraus, dass ich Recht habe: Der durchschnittliche Konzertbesucher ist so um die 65 Jahre alt.

Wir haben sehr gute Plätze erwischt, sehr weit vorne und in der Mitte, sodass wir das Orchester gut im Blick haben. Ich war bisher nur auf Rock- und Trashmetal-Konzerten (lange Geschichte). Ich habe zwar nicht erwartet, dass das Orchester eine Vorband haben wird und die Rentner grölend Moshpits bilden und sich gegenseitig Bier über den Kopf kippen, aber trotzdem ist die Stille überraschend, als die Musiker hereinkommen. Das Publikum klatscht, alle setzten sich an ihre Instrumente, wieder Stille. Einen Moment später kommt der Dirigent auf die Bühne. Keine Vorstellung, keine Ansage, er geht direkt zu seinem Podest, verneigt sich einmal vor dem Publikum und dreht uns dann den Rücken zu. Und als er den Taktstock hebt, flutet die Musik den Raum.

Ich hatte schon vorher klassische Musik gehört, aber das hier ist damit nicht zu vergleichen. Wenn man ein Orchester über Kopfhörer oder Lautsprecher hört, geht die Vielschichtigkeit verloren. Wie ich da im Konzertsaal sitze meine ich, jedes Instrument einzeln heraushören zu können. Zudem spielen sie nicht nur die schweren Klassiker, die immer eine Dramatik und Tiefe mit sich bringen, die schnell abschreckend wirkt. Es ist ein Neujahrskonzert, und entsprechend schnelle und auch witzige Musik wird gespielt.

In der Pause bekommen wir ein Glas Wein, und Pelle und ich setzten uns an einen der runden Tische in der Eingangshalle. Da es nicht so viele Plätze gibt, setzen sich ein paar andere Gäste dazu. Ich werde in ein Gespräch mit dem Mann neben mir verwickelt. Er spricht überraschend gut Deutsch, da er eine Ausbildung zum Mechaniker gemacht hat und damals alle Lehrbücher in meiner Muttersprache waren. Das ist allerdings schon eine ganze Weile her, denn der Herr wird dieses Jahr 80.

In der zweiten Hälfte des Konzerts kommt eine Opernsängerin dazu. Sie ist nicht nur wunderschön, ihre Stimme erreicht auch Höhen die für mich außerhalb jeglicher Realitäten existieren. Immer wieder geht sie von der Bühne und lässt das Orchester ein Lied alleine spielen, doch dann steht ein Werk namens „Schwipslied“ auf dem Plan. Die Musiker beginnen, der Dirigent steht auf dem Podium bereit, doch als der Einsatz der Sängerin kommt, bleibt es still. Alle schauen sich verwirrt um, dann kommt sie plötzlich auf die Bühne gestolpert. Ihre zuvor hochgesteckten Haare sind zerzaust, ein Träger ihres Kleides hängt herunter, und in der Hand hält sie eine Flasche Champagner.

Was dann folgt hätte jemand filmen sollen. Wie eine Betrunkene torkelt sie über die Bühne und beginnt schief zu singen, fällt fast von der Bühne und bricht mitten im Lied in schallendes Gelächter aus. Der Dirigent versucht sie immer wieder an einer Stelle zu halten, aber sie bricht immer wieder aus: „Doch es ist kein Schwips, oh nein!“ Ich habe noch nie etwas wie diese Aufführung gesehen, und ich kann jedem nur empfehlen auf YouTube nach diesem Lied zu suchen. Aber ich muss sagen: keine der Damen dort macht es so gut wie die brasilianische Opernsängerin, die uns an diesem Abend zum Lachen bringt.

Nach dem Konzert strömen die Menschen aus der Halle, und einer der älteren Männer sagt auf Dänisch zu Pelle: „Ihr seid zu jung um hier zu sein, man muss mindestens Rente beziehen!“ Gott sei Dank hat Musik keine Altersbeschränkung, auch nicht nach unten. Und auch wenn uns an diesem Abend einige Menschen etwas schief angesehen haben, ich fand es wirklich schön und hätte nie gedacht, dass man mit klassischer Musik so viel Spaß haben kann.

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