Ich tappe im Dunkeln

Als ich um halb fünf morgens in Hamburg aus dem Bus steige, bin ich mehr als müde. Ich mag es nachts zu reisen, weil ich gleichzeitig weiterkomme und einen Platz zum Schlafen habe. Trotzdem war der Weg von Aarhus nach Hamburg viel zu kurz, um ausreichend Schlaf zu bekommen.

Eigentlich muss ich auch nicht nach Hamburg, sondern nach Bremerhaven, aber es gab keine Direktverbindung. Wahrscheinlich hätte ich einfach im Anschluss einen Zug dorthin nehmen können, aber die günstigste Weiterverbindung fährt erst um 12:30 Uhr. Naja, ich befinde mich nicht wirklich in der Situation, in der ich eine Wahl habe.

Eine wütende Stimme ein paar Meter weiter verrät mir, dass ich nicht die Einzige bin, die diese Option gewählt hat. Ebenfalls aus dem Bus gestiegen kommt eine Frau, die sich lautstark über diese schlechte Verbindung beschwert, und wie teuer das alles doch ist, und wie unverschämt sie die ganze Situation findet, wenn man den dafür gebotenen Service in Betracht zieht. Hinter ihr steht ein blasser Mann, der zwei riesige Koffer aus dem Bus hievt und immer wieder leise „Ja, Schatz!“ sagt. Wenn ich es nicht besser wüsste würde ich sagen, die beiden kommen direkt aus einem Zeichentrickfilm. Ich wende mich zum Gehen, ich finde es ist zu früh für solche Diskussionen.

Einen Kaffee später sieht die Welt für mich schon ganz anders aus. Ich habe noch sieben Stunden Wartezeit vor mir, das gibt mir aber auch sieben Stunden in einer Stadt, die ich noch nie gesehen habe. Kurzerhand schließe ich meinen Rucksack in einem Schließfach ein und mache mich auf den Weg in die Innenstadt. So früh sind nicht viele Menschen unterwegs, weshalb meine Wanderung einen leicht postapokalyptischen Touch bekommt. Im Internet finde ich einen Audioguide über Hamburg, deshalb laufe ich mit meinen Kopfhörern durch die Gegend und erlebe Störtebeker und Speicherstadt im Morgengrauen. Zwischendurch treffe ich auch auf eine Frau, die auf der Straße lebt und gebe ihr einen heißen Tee aus. Die interessantesten Geschichten kommen oft unerwartet.

Um zehn Uhr entdecke ich dann ein ganz besonderes Museum: das Dialoghaus. Kurzer Hand buche ich einen Platz in der Führung „Dialog im Dunkeln“. Hier soll das Verständnis für und die Integration von Menschen mit Sehbehinderung unterstützen, und zwar in dem die gesamte Ausstellung, wie der Name schon sagt, komplett abgedunkelt ist. Was spannend klingt macht mir dann doch etwas Angst, als ich im Halbdunkeln des Einführungsraums einen Blindenstock überreicht bekomme. Unsere Führerin ist selbst sehbehindert und bittet uns alle, unseren Namen zu sagen, damit sie uns zuordnen kann. Auf die Frage, ob unsere Gruppe von acht Personen sich schon kennt, stellt sich heraus, dass wir aus einer fünfköpfigen Familie, einem älteren Ehepaar und mir bestehen. „Eine Einzelperson? Wer macht sowas denn alleine?“ – war ja klar, dass es nur in Deutschland hinterfragt wird, dass ich alleine reise.

Nach einer kurzen Erklärung werden wir alle ins Dunkel geführt (ich widerstehe dem Drang, „hinters Licht geführt“ zu schreiben). Komplette Schwärze verschluckt uns, und mir wird mulmig – ich habe überhaupt keine Orientierung mehr. Anfangs laufen wir alle ständig ineinander, gegen die Wände oder irgendwelche Gegenstände. Unsere Führerin bittet uns, mehr zu sprechen, damit wir und die anderen einen Anhaltspunkt haben, wo wir sind. Nacheinander führt sie uns in verschiedene Räume, die jeweils einen ganz normalen Ort darstellen: eine Küche, einen Park, einen Wochenmarkt. Für Sehende keine Besonderheiten, aber für jemanden der nichts sieht? Zum ersten Mal fällt mir auf, wie sehr Kleinigkeiten das Leben beeinflussen können, wenn man einen Sinn verliert. An der Blindenampel schaffen es drei von uns nicht rechtzeitig über die Straße, und bei der Bootsrundfahrt (ja, richtig gelesen: wir haben blind eine Bootsrundfahrt durch den Hamburger Hafen gemacht) stolpere ich fast über den Rand des Schiffs. Am Ende befindet sich eine Dunkelbar, in der wir Getränke bestellen und unsere Führerin über ihr Leben mit Sehbehinderung ausfragen können.

Als wir zurück ins Licht treten, ist die Stimmung irgendwie gedrückt, und wir unterhalten uns noch eine ganze Weile über das eben erlebte. Wir wussten zwar ungefähr, was auf uns zukommt, aber ich glaube jeder von uns hat doch einiges mitgenommen. Mal abgesehen davon, dass ich während der letzten 90 Minuten so viele Blindenwitze wie noch nie zuvor in meinem Leben gehört habe. Noch sehr nachdenklich mache ich mich auf den Weg zurück zum Bahnhof.

Am Bussteig treffe ich tatsächlich das Ehepaar von heute morgen wieder. Sie sieht immer noch ziemlich mies gelaunt aus und klagt weiterhin lautstark ihr Leid – sie musste ja so lange warten, und hier im Bahnhof gibt es nicht mal anständigen Kaffee, und allgemein sei das Wetter hier eine Zumutung. Ihr Mann nickt weiterhin nur stumm. Etwas schmunzeln muss ich aber doch, denn die Dame hat inzwischen ihre Jacke geöffnet. Darunter trägt sie ein T-Shirt mit der Aufschrift „Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach Limonade daraus“, daneben das Bild einer Zitrone. Naja. Immerhin mit einer Sache hat sie Recht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s