Die Socken der Oper

„Versteh mich nicht falsch, ich freue mich das du hier bist, aber warum zur Hölle bist du hier?!“

So oder so ähnlich fragt Kama mich, als sie mich in Stettin am Bahnhof abholt. Es ist kein Witz, sie versteht wirklich nicht, warum ich mich dazu entschieden habe, die Stadt mit dem unaussprechlichen Namen (Szczecin) in Polen zu besuchen. So ganz weiß ich es auch nicht, aber Stettin kam mir irgendwie bekannt vor, als ich ihn auf der Karte gesehen habe. Jetzt im Nachhinein denke ich, dass es vielleicht nur am Lied „Venus“ der deutschen Band Kraftklub liegt, denn dort wird die Stadt erwähnt – wenn auch nur, weil sie auf „-in“ endet und so das Reimschema des Songs gewahrt wird.

Aber egal, was mich hierher gebracht hat, ich bin froh hier zu sein. Kama wird mir für die nächsten Tage Unterkunft gewähren, und ich freue mich wirklich, wieder eine so gute und interessante Person als Gastgeberin erwischt zu werden. Bereits als wir uns gerade mal zehn Minuten kennen und in einem Café Orangentee mit Zimt trinken, merke ich wie gerne ich ihr zuhöre. Sie ist einer dieser Menschen, die einen wahnsinnig interessanten Blick auf die Dinge haben, und ich stelle in den ersten Stunden praktisch nur Fragen und erzähle fast nichts über mich.

Eine Stadt mit jemandem zu besichtigen, der dort wohnt oder aufgewachsen ist, ist immer etwas ganz Besonderes und ein großes Privileg. Man überschreitet die Linie des Tourismus und wird zum Reisenden, denn was einen Ort lebendig macht sind die Menschen dahinter. Kama will mir unbedingt die polnische Lebensweise in Stettin näher bringen und ich muss sagen, sie macht einen prima Job. Sie zeigt mir die besten Aussichtspunkte, geht mit mir Pierogi essen und zeigt mir die schönsten Sehenswürdigkeiten bei Nacht. Ein Highlight ist der Besuch im ältesten Kino der Welt, welches immer noch in Betrieb ist. Ganz anders als in heutigen Kinos gibt es keine Sesselreihen, sondern runde Tische mit Stühlen. An einer Bar kann man sich Essen und Trinken bestellen, und während des Films drehen alle ihre Stühle in Richtung Leinwand.

Da sie während des Tages oft noch in die Bibliothek zum Lernen muss, bin ich auch alleine in der Stadt unterwegs. Eigentlich würde ich gerne die Architektur hier fotografieren, aber es ist fast zu kalt um sich länger draußen aufzuhalten. Wirklich, langsam habe ich keine Lust mehr auf Winter. Seit fünf Monaten komme ich ständig an den Punkt, an dem ich denke, es kann gar nicht mehr kälter werden – bis ich dann am nächsten Tag das Haus verlasse. Hier ist vor allem die Luftfeuchtigkeit ein Problem, denn dadurch wirkt es gleich viel kälter. Ich hüpfe mehr durch Stettin als das ich laufe, dazu lebe ich in ständiger Angst meine Finger zu verlieren wenn ich die Kamera in der Hand halte und wenn ich die Schultern noch etwas länger hochziehe, um mich mehr in meinem Schal zu verkriechen, werden sie wahrscheinlich so bleiben und ich bin gezwungen, die Welt von nun an mit einem ewigen Schulterzucken zu betrachten.

So oft es geht flüchte ich mich in Gebäude, und irgendwann ende ich auch in der Philharmonie. Das kontroverse Gebäude sieht schon von außen beeindruckend aus, aber die Architektur im Inneren beeindruckt mich fast noch mehr. Als ich aber am Souvenirstand vorbeilaufe, bin ich überrascht. Zwischen den CDs und anderen Dingen, die man in einer Philharmonie erwarten würde, liegen Socken. Richtig gelesen, die Philharmonie in Stettin verkauft Socken. Normalerweise kaufe ich keine Souvenirs, mir fehlt ganz einfach der Platz dafür, aber diese Socken sind so absurd, dass ich ein Paar kaufe. Am Abend zeige ich Kama die schwarzen Socken, die mit einem Muster aus vielen kleinen Philharmonien versehen sind, und sie findet sie genauso witzig wie ich. Stettin ist vielleicht nicht so bekannt, aber immerhin haben sie schicke Socken.

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