Kiss my ass

Ich glaube es ist kein Geheimnis, dass ich nicht die aufmüpfigste und mutigste Person der Welt bin. Egal wen man fragt, die Menschen beschreiben meinen Charakter als nett, freundlich und höflich – und ich will ganz ehrlich sein, so bin ich nun Mal, und das ist auch nichts Schlimmes. Trotzdem würde ich mir manchmal wünschen, eine bessere „Leck-mich-am-Arsch“-Haltung zu haben.

Bevor ich nach Polen kam, haben mir viele von der Gastfreundlichkeit der osteuropäischen Länder erzählt. Vielleicht stimmt das auch für einige Länder, vielleicht habe ich einfach nur Pech, vielleicht liegt es daran, dass ich für den Anfang eher kleinere und weniger touristische Orte besuche: Ich finde, die Menschen hier sind unfreundlich.

Versteht mich nicht falsch, es gibt auch viele nette Polen. Kama und ihre Familie aus Stettin sind das beste Beispiel dafür. Aber wenn ich auf den Straßen unterwegs bin, scheint irgendetwas mich klar als Fremde auszuweisen. Und die Menschen lassen es mich wirklich spüren.

Ich werde auf offener Straße angestarrt, wenn ich irgendwo ein Foto mache oder einfach nur an der Ampel stehe. Wenn ich in Geschäften angesprochen werde und zum Ausdruck bringe, dass ich die Sprache hier nicht spreche, reden viele einfach weiter in Polnisch – es ist immerhin mein Problem. Beeindruckend ist auch die schiere Menge an gruseligen, mittelalten Männern, die mich ständig nach Geld für Alkohol fragen (sie versuchen nicht mal so zu tun, als wäre es für Essen oder irgendwas Wichtiges), oder sich einfach in Cafés und Restaurants neben mich setzen, obwohl es genügend freie Tische gibt. Zum ersten Mal auf dieser Reise fühle ich mich wirklich unwohl, wenn ich nach Einbruch der Dunkelheit alleine durch die Straßen laufe.

Das Ganze gipfelt sich, als ich in einem Einkaufszentrum an den Informationsschalter trete, um den Herrn im Anzug nach der nächsten Straßenbahnhaltestelle zu fragen. Noch bevor ich den Mund aufmache sagt er im wohl herablassendsten Ton, mit dem ich jemals angesprochen worden bin (und ich habe drei Jahre lang im öffentlichen Dienst gearbeitet): „Yes Miss, how can I help you?!“. Dabei sieht er aus, als wäre meine bloße Anwesenheit die größte Beleidigung überhaupt und allein der Akt mit mir zu sprechen eine unaussprechliche Anstrengung für ihn.

Für einen Moment bin ich wirklich verblüfft, dann muss ich vor lauter Absurdität lachen. Obwohl ich ihm gerade gerne ins Gesicht sagen würde, dass er nicht an einem Informationsschalter arbeiten sollte, wenn er nicht Menschen reden will, bleibe ich nett und freundlich, bedanke mich und gehe. In meinem Kopf laufen die schlimmsten Beleidigungen in allen Sprachen die ich kenne Amok, aber ich selbst bleibe still.

Ich wünschte, ich wäre in solchen Situationen mutiger. Ich wünschte, ich könnte besser kontern, aber bei mir ist Schlagfertigkeit das, was mir auf dem Weg nach Hause einfällt. Ich wünschte, ich würde manchmal mehr für mich einstehen und nicht alles so persönlich nehmen. Gerade auf einer Reise wie dieser wäre manchmal so gut, wenn ich nur ein bisschen mehr an mich selbst glauben würde.

Nach dem Aufeinandertreffen mit dem freundlichsten Servicemitarbeiter der Welt gehe ich erst einmal in das nächste Café um zu verarbeiten, was gerade passiert ist. Liegt es vielleicht an mir? Als die Bedienung kommt und mich auf polnisch nach meiner Bestellung fragt, sage ich etwas abwesend meinen Standardsatz: „I’m sorry, do you speak English?“ Sie lächelt mich an, nickt und stellt die Frage noch einmal so, dass ich sie verstehe. Als sie mir meinen Kaffee bringt, stellt sie noch einen Teller mit einem Brownie daneben. Ich sehe so aus, als könnte ich ihn gebrauchen, meint sie. Ich muss lächeln, und für diesen Moment ist mein Glaube an die Menschheit wieder hergestellt. Ratet mal, wer am Ende ein Trinkgeld bekommen hat.

Vielleicht ist es also ganz gut, dass ich hier hin und wieder wie eine Aussätzige behandelt werde, denn dann lerne ich vielleicht, wie man Kontra bietet. Bis es soweit ist und ich ein bisschen mehr Selbstbewusstsein aufgebaut habe, bin ich aber dankbar für jeden Menschen, der nett zu mir ist.

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