Foto-Phobia

„Es gibt absolut keinen Grund, sich unwohl zu fühlen!“

Leicht gesagt, wenn man hinter der Kamera steht. Ich drehe mich leicht weg und versuche, um keinen Preis direkt in die Linse zu schauen. Das Ganze hier ist mir mehr als unangenehm, und wie schon so oft zuvor verfluche ich mich selbst. Warum muss ich mich auch immer in solche Situationen bringen?

Wie die meisten anderen auch habe ich an Silvester eine lange Liste mit Vorsätzen fürs neue Jahr geschrieben. Ganz oben: Selbstbewusster werden. Wenn ich ehrlich bin, lässt sich meine Persönlichkeit mit dem Wort „awkward“ ziemlich gut zusammenfassen. Lars hat mich mal als „adorkable“ beschrieben, was schon eine Verbesserung ist, aber immer noch meilenweit von der Person entfernt, die ich gerne wäre. Ich weiß nicht wieso, ich bin einfach in vielen Situationen sehr schüchtern, aber in einer seltsamen Art und Weise. Ich denke, ich kann es am Besten so beschreiben, dass ich Referate in der Schule geliebt habe, ich wollte sie nur nie vor anderen Menschen halten. Also habe ich beschlossen, daran zu arbeiten.

In einem Anfall von wahnwitzigem Mut habe ich deshalb in Danzig nach Fotografen gesucht. Ich hasse es, vor der Kamera zu stehen, aber trotzdem hätte ich gerne auch schöne Bilder von mir. Ich mache keine Selfies, und Gruppenfotos weiche ich gerne aus. So wirklich erwarte ich also nicht, dass einer der angeschriebenen Fotografen auf meine Mail reagiert, in der ich umständlich erkläre, wie seltsam ich bin. Umso überraschter bin ich, als ich in meinem Postfach bereits wenige Stunden später eine Antwort finde: „Hey there, thanks for reaching out..“

Als der Tag meines Fotoshootings gekommen ist, sitze ich für einen Moment ratlos vor meinem Rucksack. Wirklich schicke Kleidung habe ich natürlich nicht dabei, geschweige denn Schmuck oder Make-Up. Nach kurzem Überlegen verwerfe ich diesen Gedanken aber auch wieder: Ich will mich wohler in meiner eigenen Haut fühlen, nicht unter irgendeiner Maske. Ich ziehe mich also so wie immer an und mache mich auf den Weg.

Ich treffe mich mit meinem Fotografen in einem kleinen Café. Der Deal ist, dass wir nicht einfach in einem Fotostudio Bilder machen – zuerst unterhalten wir uns für eine halbe Stunde um uns besser kennenzulernen, anschließend werden wir durch die Stadt spazieren und er macht immer wieder Bilder von mir. Ich bin wahnsinnig nervös und halte meinen Cappuccino so fest umklammert, dass die Tasse jeden Moment zerspringen müsste. Bereits nach kurzer Zeit fühlt es sich aber schon nicht mehr nach einem Fotoshooting an, mehr nach einem netten Gespräch mit einem Freund.

Als er dann aber eine Kamera mit riesigem Objektiv herausholt, versteife ich mich automatisch. Mein Fotograf muss lachen: „Okay, vielleicht doch erst die kleine.“ Ein deutlich unauffälligeres Modell macht mich zwar immer noch nervös, aber es ist schon besser, und ich vertreibe den Gedanken, dass ich das hier gar nicht verdient habe.

Im Prinzip laufen wir einfach nur durch die Stadt und unterhalten uns übers Reisen, moderne Technik und ob meine Generation die Fähigkeit der Empathie verliert. Immer wieder hebt er die Kamera, und ich drehe mich instinktiv weg. Nach ein paar Anläufen schaue ich dann doch in seine Richtung und lächle unbeholfen in die Kamera: „Ich weiß nicht, was ich tun soll…“ Er lächelt nur und meint, ich solle einfach ich selbst sein. Ich muss seufzen und sage, dass ich aber sehr seltsam bin. Seine Antwort verblüfft mich, denn er zuckt nur mit den Schultern und meint: „Na und? Das bist du, warum solltest du dich wie jemand anderes verhalten?“

Irgendwie beruhigt mich dieser Satz, und desto länger wir unterwegs sind, desto einfacher wird es für mich. Trotzdem bin ich ziemlich froh, als wir fertig sind. Mein Fotograf lädt mich noch zum Mittagessen ein, und wir unterhalten uns weiter über Fotografie und Bücher, und darüber wie hilflos ich mich manchmal angesichts der Zukunft fühle.

Um ehrlich zu sein, hätte ich die Bilder gar nicht sehen müssen, um das Fotoshooting als Erfolg zu verbuchen. Immerhin bin ich über meinen Schatten gesprungen und habe mich auf die andere Seite der Kamera gewagt. Als zwei Tage später eine Mail mit Anhang in meinem Postfach auftaucht, kommt der Klumpen in meinem Hals zurück. Wie sich herausstellt aber völlig unbegründet: die Bilder sind wunderschön. Wirklich, ich glaube das sind die schönsten Fotos, die jemals jemand von mir gemacht hat. Begeistert gehe ich zurück zur Mail und will eintausend Mal Danke schreiben, als ich sehe, was mein Fotograf zu den Bildern geschrieben hat:

„I tried to show your great personality! You and your generation give me hope.“

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