Spuren, die bleiben

Okay, ich weiß nicht wie ich anfangen soll. Das hier ist ein schwieriges Thema.

Ich bin Deutsch. Das ist jetzt keine große Überraschung, und ich gehe Mal davon aus, dass ein Großteil der Leute, die das hier lesen auch Deutsch sind. Wenn ich ehrlich bin, rede ich nicht gerne über meine Nationalität – einfach weil ich finde, dass die Herkunft eine Person nicht definieren sollte.

Deutschland hat wie alle anderen Länder auch mit vielen Vorurteilen und Ereignissen in seiner Geschichte zu kämpfen. Ich denke es ist überflüssig zu erklären, dass der zweite Weltkrieg noch heute seine Schatten wirft. Das ist nicht unbedingt schlecht, und ich will nicht sagen, wir sollten alles was geschehen ist vergessen, ganz im Gegenteil: wir sollten uns daran erinnern und dafür sorgen, das so etwas Grausames nie wieder passieren wird.

Aber Deutschland ist nicht das einzige Land, dass noch heute unter den Echos des zweiten Weltkriegs leidet. Auch Polen wird davon noch beeinflusst, wenn auch auf eine ganz andere Art und Weise. Deshalb weiß ich nicht genau was ich erwarten soll, als ich das Museum des zweiten Weltkriegs in Danzig besuche.

Das Museum ist recht neu und die Ausstellungen, die sich hauptsächlich unterirdisch befinden, sind multimedial aufgebaut und stellen das Thema so mehr als ansichtlich dar. Anfangs gefällt mir der Aufbau sehr gut, auch wenn ich finde das der Audioguide ein bisschen oft das Opfer der polnischen Nation erwähnt, vor allem, weil es irgendwie nicht ganz zur Ausstellung passt. Keine Frage, was damals mit Polen passiert ist war furchtbar, das will ich gar nicht bestreiten. Aber ich brauche nicht in jedem Raum eine Erklärung, wie ausnahmslos mutig die Menschen hier waren und wie groß ihre Opfer waren, selbst wenn es in diesem Raum um etwas vollkommen anderes geht.

Was mir ebenfalls auffällt ist, dass bei manchen Geschichten der polnische Aspekt sehr hervorgehoben wird, während andere Teile unter den Tisch fallen. So wird zum Beispiel sehr stark betont, dass ein Pole den Enigma-Code geknackt hat. Das aber bei der endgültigen Entschlüsselung auch die Franzosen und Briten mitgeholfen haben, wird eher verschwiegen.

Spätestens beim Film am Ende bin ich aber völlig fassungslos. Das Design erinnert mich mehr an eine Werbung für einen Online-Shooter, und mit dramatischen Darstellungen wird erzählt, was Polen während des Weltkriegs erlitten hat und wie sie trotzdem nie aufgegeben haben, wie sie gekämpft haben und dann vom Westen hinter den eisernen Vorhang verbannt wurden. Aber sie haben sich nie selbst aufgegeben und konnten sich schließlich von dieser Ungerechtigkeit befreien. Der Film endet mit dem Satz: „We don’t beg for freedom, we fight for it.“

Fast noch schlimmer finde ich aber die Art und Weise, wie der Film präsentiert wird. Nicht auf einer Leinwand, sondern auf zwei, direkt nebeneinander. Getrennt werden sie von einer hohen Mauer, die von Stacheldraht gekrönt wird. Die zwei Leinwände zeigen exakt denselben Film, der einzige Unterschied ist, dass einer von beiden englische Untertitel hat. Der einzige Unterschied ist, dass einer der beiden Filme nur von Menschen gesehen werden kann, die Polnisch sprechen.

Mir ist leicht schlecht, und ich habe einen beunruhigenden Verdacht. Bevor ich das Museum verlasse, frage ich noch einige Mitarbeiter, ob das hier die originale Ausstellung ist oder ob sie im Nachhinein verändert wurde. Im Museumsshop finde ich jemanden, der mir darauf eine Antwort geben kann: Nein, es ist nicht die originale Ausstellung. Vor einiger Zeit wurden ein paar leichte Abwandlungen getroffen, der Film am Ende wurde in diesem Zug auch geändert. Der Zeitpunkt? Der letzte Regierungswechsel in Polen.

Ich weiß nicht was ich sagen soll. Ich will nicht sagen, dass die polnische Bevölkerung nicht gelitten hat. Aber die Darstellung in diesem Museum erscheint mir persönlich sehr grenzwertig, weil sie eine klare Linie zieht: auf der einen Seite Polen, auf der anderen der Rest der Welt. Ein so komplexes Thema wie den zweiten Weltkrieg einfach in schwarz und weiß darzustellen erscheint mir einfach falsch. Hat die ganze Geschichte nicht ursprünglich damit angefangen, dass eine Gruppe Menschen sich vom Rest abgegrenzt hat? Wir und die Anderen?

Mir war noch nie so schlecht, wenn ich ein Museum verlassen habe. Je nachdem, in welches Licht man ein Thema rückt, kann es verschiedene Facetten annehmen, und diese hier gefällt mir ganz und gar nicht. Natürlich sind wir die Erben dessen, was passiert ist. Aber das heißt nicht, dass wir denselben Weg gehen müssen. Letztendlich ist es wichtig zwar aus der Vergangenheit zu lernen, aber auch nicht zu übersehen, was in der Gegenwart passiert. Wir hinterlassen immer Spuren, und ich würde mich freuen wenn es gute wären.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s