Thank you, Mr. President

Es ist der 13. Januar 2019. Im polnischen Danzig findet die alljährliche Spendenveranstaltung des Wielka Orkiestra Świątecznej Pomocy (zu Deutsch: „das große Orchester der Weihnachtshilfe“) statt, die seit 1993 an einem der ersten Sonntage im Jahr Spenden für einen wohltätigen Zweck sammeln. Dieses Jahr soll das Geld in die Ausstattung pädiatrischer Stationen und die Behandlung von Säuglingen fließen. Bürgermeister Paweł Adamowicz steht auf der Bühne, als plötzlich ein mit einem Messer bewaffneter Mann hinaufstürmt und ihn niedersticht. Am folgenden Tag stirbt Adamowicz an den Wunden, und damit einer der beliebtesten Politiker Polens.

Ich muss zugeben: Vor dem Attentat habe ich noch nie von Paweł Adamowicz gehört. Ich bin gerade bei meiner Schwester zu Besuch, als ich die Nachrichten in meinem Newsfeed sehe. Nachdem ich den Artikel gelesen habe, beginne ich mit der Recherche im Internet, denn bereits in diesem Moment steht fest, dass ich Danzig in kurzer Zeit selbst besuchen werde.

Knapp zwei Wochen später komme ich spät Abends in der polnischen Küstenstadt an. Der ermordete Bürgermeister ist bereits in einer enormen Trauerfeier beigesetzt worden, aber trotzdem finde ich noch Spuren: in vielen Geschäften hängen Plakate in den Schaufenstern, Bilder von Adamowicz, daneben Kerzen und Trauerkränze. Beileidsbekundungen lassen sich in der ganzen Stadt finden, im europäischen Kulturzentrum liegen sogar drei dicke Kondolenzbücher aus, die bereits jetzt schon fast gefüllt sind.

Am Sonntagabend werde ich eingeladen, ein Gedenkkonzert in der Marienkirche mitanzusehen. Bevor das Konzert anfängt, versammeln sich dutzende Menschen vor der Stelle, an der der Politiker beigesetzt wurde. Er war seit unglaublichen 21 Jahren Bürgermeister von Danzig, was deutlich zeigt, wie sehr ihn die Bevölkerung geliebt hat. Er hat sich selbst oft als „Bürgermeister aller Danziger“ bezeichnet, und wenn ich die Menschen hier ansehe, glaube ich, er hatte damit Recht. Nur wenigen besonderen Menschen ist es vergönnt, in der Marienkirche beigesetzt zu werden, und selbst während des Konzerts ist die Gedenkplatte mit seinem Namen nie ganz alleine.

Wann immer ich die Gelegenheit habe, frage ich die Menschen in der Stadt nach Adamowicz. Viele erzählen mir, dass die Beisetzung überwältigend gewesen sein muss, angeblich war die Altstadt bereits eine Stunde vor Beginn der eigentlichen Prozession mit Menschen überfüllt – wenn ich schätzen müsste, würde ich sagen das mehrere zehntausend Menschen hier Platz haben. Zudem wurde die Beisetzung an mehreren Orten im ganzen Land öffentlich übertragen. Aus den Berichten höre ich Trauer, Ungläubichkeit und Entsetzen über die Tat heraus. Aber ich merke auch, dass die Phase der lähmenden Trauer für die Bevölkerung langsam zuende geht: dafür macht sich eine Enttäuschung breit, die ich nicht ganz in Worte fassen kann. Adamowicz war ein großartiger Politiker, und in der gespaltenen Politik Polens für viele ein Hoffnungsträger. Während des Gedenkkonzerts sehe ich die wenigsten Teilnehmer weinen, dafür umso mehr harte Gesichter.

Die politische Situation Polens ist in den letzten Jahren immer angespannter geworden, und der Mord an Paweł Adamowicz marktiert einen traurigen Punkt darin. Ich persönlich interessiere mich eigentlich nicht für Politik, aber sogar ich habe den deutlichen Rechtsruck in vielen Ländern Europas in den letzten Jahren bemerkt, und ich für meinen Teil mache mir große Sorgen um die Zukunft. Einen Politiker wie Adamowicz zu verlieren ist eine Tragödie, aber seine Ideen werden in den Menschen weiterleben. Die Bürger Danzigs werden ihren Bürgermeister nicht so schnell vergessen. Danke, Paweł Adamowicz, für ein bisschen mehr Hoffnung in einer sehr schwierigen Welt.

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