Pirouetten

Grazil, kunstvoll, wunderschön – das sind die Worte, die mir durch den Kopf gehen, wenn ich an Eiskunstlauf denken. Nicht fallen, nicht fallen, nicht fallen – das sind die Worte, die mir durch den Kopf gehen, als ich selbst auf dem Eis stehe.

Eines der Dinge, die ich schon immer lernen wollte, ist Eiskunstlaufen. Ich stand bisher nur einmal auf dem Eis, und zwar auf einem Schulausflug der gefühlte zweihundert Jahre zurück liegt. Damals konnten meine Mitschüler aber alle schon ziemlich gut übers Eis gleiten und hatten im Gegensatz zu mir schon Erfahrung darin, wie man in Schlittschuhen überhaupt steht. Während alle anderen also ihre Runden drehten, schob ich einen Plastikpinguin vor mir her, um bloß nicht umzufallen. Ich habe das Gefühl, dieser Satz fasst auch den Rest meines Lebens schmerzhaft akkurat zusammen.

Ein paar Tage, bevor ich nach Warschau gehe, schreibe ich deshalb eine Mail, die in etwa so anfängt: „Ich stand erst einmal auf dem Eis, aber ich würde furchtbar gerne Eislaufen lernen.“ Und da ich mehr Glück als Verstand habe, bekomme ich tatsächlich eine Antwort und treffe mich bald darauf in der Hauptstadt Polens mit Jana, die seit ihrer Kindheit auf dem Eis steht und vor kurzem hierher gezogen ist.

Als ich Jana vor dem Stadium das erste Mal in echt sehe, bin ich überrascht. Sie war schon auf den Fotos unglaublich schön, aber wie sie so vor mir steht ist kein Vergleich. Im Gegensatz zu ihr sehe ich aus wie das schwarz-orangene Pendant des Michelin-Männchens. Irgendwie schaffen es ja sowieso alle Frauen außer mir, in Winterkleidung attraktiv zu sein. Jana scheint das aber egal zu sein, und kurze Zeit später machen wir uns auf den Weg zum Schlittschuhverleih.

Als sie mir erklärt wie ich die Schuhe richtig anziehe, stellt sich heraus, dass ich das damals bei meinem ersten Versuch schon falsch gemacht habe. Unten sollten sie zwar fest geschnallt werden, oben aber noch so viel Platz haben, dass man bequem in die Knie gehen kann. Etwas wackelig machen wir uns auf den Weg zur Eisfläche, und sofort nachdem ich auf richtigem Eis stehe, hänge ich an der Begrenzungswand wie ein Klammeraffe.

Bevor ich versuche zu laufen, erklärt Jana mir, wie man richtig Schlittschuh läuft. Im Prinzip ist es wie normales laufen, nur dass man die Füße nie nach hinten gleiten lassen darf und mehr in die Knie geht. Sie zeigt mir auch, wie man wendet, bremst und sich dreht, aber das ist Stoff für später. Die Startposition erinnert mich an die Haltung einer Ballerina, und Jana sieht auch wirklich so graziös aus. Ich hingegen… gebe mein Bestes.

Die ersten Runden hangele ich mich ungeschickt an der Wand entlang, während Jana geduldig neben mir hergleitet. Was mich überrascht sind nicht nur die Kinder, die scheinbar mühelos über die Eisfläche rasen, sondern die vielen Menschen, die gleichzeitig Eislaufen und am Handy sind. Manche schreiben Nachrichten, andere machen Fotos, ein Mann schaut sogar ein Video an – und all das, ohne mit irgendjemandem zusammen zu stoßen. Anscheinend haben Smartphone-Nutzer eine Art Radar entwickelt, der ihnen unter anderem auch erlaubt, durch Fußgängerzonen zu navigieren ohne auch nur aufzuschauen.

Nach einer Weile bewegt mich Jana dann doch dazu, die Wand loszulassen. Jetzt halte ich ihre Hand und schlittere unsicher neben ihr her, und obwohl sie es nicht zugeben will, drücke ich wahrscheinlich mehr als einmal zu fest zu. Fast zwei Stunden lang dreht Jana mit mir Runden übers Eis, korrigiert meine Haltung, gibt Tipps und hilft mir auf, wenn ich falle. Ich bin heute nicht nur mit dem schönsten Mädchen Warschaus Eislaufen, sondern auch mit dem geduldigsten.

Als wir unsere Schlittschuhe wieder gegen normale Schuhe eintauschen, erklärt mir Jana, dass solche Schwierigkeiten am Anfang völlig normal sind. Sie meint, mein Problem wäre nicht mal die Balance, sondern eher mein fehlendes Selbstvertrauen. Ich muss lachen – das ist ja ganz was Neues. Sie ermutigt mich dazu, dranzubleiben: „Einmal in der Woche aufs Eis, dann wird das.“

Beim Nachhause laufen fühlen sich meine Füße irgendwie komisch an. Ein Naturtalent im Eislaufen bin ich definitiv nicht, aber Spaß gemacht hat es allemal. Ich kann auch nicht versprechen, jetzt jeden Tag Eislaufen zu gehen. Aber wenn ich das nächste Mal die Möglichkeit habe, Schlittschuhe zu tragen, habe ich vielleicht genug Mut weiterzumachen.

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