Bittersweet

Es ist ein bittersüßes Gefühl festzustellen, dass ein Moment nie wieder kommen wird, wenn er noch nicht einmal vorbei ist. Die Urlaubsorte, an denen man sagt man kommt wieder, aber insgeheim weiß, dass man nie die Zeit dafür finden wird. Die Höhepunkte eines Lebens, die einfach nie wiederkommen können, weil sie zu einzigartig sind, wie der Tag unserer Hochzeit oder die Geburt unseres ersten Kindes. Die Menschen die man kennenlernt und genau weiß, dass man sie nie wieder sehen wird.

Als ich in Warschau an einer Stadtführung teilnehme, kommt etwas verspätet noch eine junge Frau aus den Niederlanden hinzu. Sie ist ziemlich hübsch und sieht sehr jung aus, aber irgendwie wirkt sie viel älter und erfahrener als der Rest der Gruppe. Nach einer Weile kommen wir durch Zufall ins Gespräch, und den Rest der Stadtführung laufen wir nebeneinander her und unterhalten uns.

Am Ende der Führung frage ich sie, ob sie nicht Lust hat, etwas essen zu gehen. Wir sind beide ziemlich durchgefroren und hungrig, und nach kurzer Zeit sitzen wir in einem Lokal und essen polnische Suppe. Sie hat am Abend noch einen Termin, bis dahin ist aber noch viel Zeit – und da ich sowieso nichts anderes vorhatte, enden wir wieder auf den Straßen Warschaus, immer in ein Gespräch verwickelt.

Während wir ziemlich viele Kirchen besuchen und erstaunt feststellen, dass in jeder Kirche jemand sitzt und betet, legen wir einige Kilometer Strecke hin. Die meiste Zeit unterhalten wir uns über unsere Reisen, und ich habe tausend Fragen an sie. Sie ist eine der mutigsten Frauen, die ich bisher getroffen habe, und ich habe das Gefühl, ich kann noch eine Menge von ihr lernen. Mein erster Eindruck hat mich nicht getrübt: sie ist wirklich außergewöhnlich.

Langsam bricht die Dunkelheit über uns herein, und wir setzten uns in ein Café und trinken Chai. Ihr Termin rückt näher, und damit auch die Verabschiedung. Sie fragt mich ob ich auf Facebook bin, ich verneine. Wir verstehen uns super, aber irgendwie ist uns beiden klar, dass wir nicht in Kontakt bleiben werden. Vielleicht sehen wir uns irgendwann in der Zukunft wieder, aber ganz bestimmt nicht geplant. Und so verabschieden wir uns, und mit einem seltsam flauen Gefühl im Magen mache ich mich auf den Weg zurück zu meiner Unterkunft.

Es ist ein ungewöhnlich warmer Tag für die Jahreszeit, und da die Straßen immer noch mit Lichterketten dekoriert sind, lasse ich mir mehr Zeit als gewöhnlich. Die Menschen um mich herum sind glücklich, und ich spüre, wie auch ich positiver werde. An einem Stand hole ich mir einen Becher Tee (in Polen gibt es den besten Tee mit Zimt und Orange – always down for that). Ich fühle mich wie in einem Film, als ich so die schönste Straße Warschaus entlangspaziere.

Spontan entscheide ich mich sogar dafür, ein Chopin-Konzert zu besuchen, denn seit dem Neujahrskonzert mit Pelle mag ich klassische Musik irgendwie sehr gerne. Es klingt jetzt vielleicht außergewöhnlich, aber tatsächlich kann man in Warschau jeden Abend an allen Ecken solche Konzerte besuchen. Trotzdem ist es schön, und am Ende frage ich die Pianistin nach einem Autogramm.

Vielleicht liegt es an der Musik von Chopin, vielleicht an meiner Begegnung mit der Niederländerin – dieser Tag ist bittersüß. Und vielleicht ist es genau dieses Gefühl, diese Schönheit in der Vergänglichkeit eines Augenblicks, die das Reisen zu so einer besonderen Erfahrung macht.

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