Wieliczka

Ich habe mich nie als jemand gesehen, der sehr von moderner Technik abhängig wäre, zumindest nicht so sehr wie andere in meinem Alter. Kein Snapchat, kein Instagram, kein Facebook – ich gebe zu, ein gewisser Stolz liegt schon in meiner Stimme, wenn ich davon rede wie „frei“ ich von sozialen Netzwerken bin. Natürlich habe ich Handy, Laptop und Co., aber als „Smombie“ (ein Smartphone-Zombie) hätte ich mich nie bezeichnet – bis mich eine Salzmine des Besseren belehrt hat.

Das Salzbergwerk Wieliczka im Süden Polens ist eines der ältesten Salzbergwerke der Welt und ist seit 1978 sogar UNESCO-Weltkulturerbe. Nicht nur tausende Touristen besichtigen das Bergwerk jährlich, es gibt auch einen Heilstollen zur Behandlung von Erkrankungen in den Atemwegen und mehrere Räume, die für private Feiern gemietet werden können. Tatsächlich habe ich das erste Mal von der Salzmine gehört, als eine Kollegin über eine Freundin sprach, die dort geheiratet hat. Heute bin ich aber nicht zum Heiraten hier, sondern mit einer Gruppe von Touristen.

Die Gruppenführerin erklärt uns nach unserer Ankunft die Regeln und verteilt Kopfhörer mit nur einem Ohrstöpsel, damit wir sie bei der Tour auch richtig verstehen. Wie in jedem halbwegs intelligenten Museum zahle ich nochmal extra für eine Fotolizenz, dann geht es los. Wir machen uns auf den Weg unter die Erde, was erst Mal bedeutet mehrere hundert Treppenstufen in die Tiefe zu gehen.

In den Stollen sind kleine Ausstellungen drapiert, die uns das Leben und Arbeiten hier in den Stollen näherbringen sollen. An einer Station dürfen wir sogar an einer Art riesiger Seilwinde einen alten Aufzug betätigen, mit dem früher Salz an die Oberfläche befördert wurde. Ziemlich cool, bis mir nach der Hälfte der Führung plötzlich auffällt, dass mein Handy nicht mehr angeht.

Sofort drücke ich panisch auf den Startknopf, der normallerweise nach drei Sekunden Druck das Handy starten sollte. Da nach drei Sekunden nichts passiert, drücke ich einfach für drei weitere Minuten wie wild auf dem Knopf herum, obwohl ich irgendwie schon vorher weiß, dass es nichts bringt. Währenddessen spüre ich, wie mir das Blut aus dem Kopf fließt. Was mache ich ohne Handy? Wie soll ich denn bitte weiterreisen ohne meinen technischen Beistand?? Scheiße.

Während ich versuche, mit den Fingernägeln den Deckel aufzukriegen, um den Akku rauszunehmen, formuliere ich in Gedanken einen Notfallplan: Noch heute Abend werde ich den nächsten Elektronikladen aufsuchen und das Ding entweder reparieren lassen oder gleich ein Neues kaufen. Gedanken an eine Zeit, in der ich noch ein Tastenhandy hatte, dessen spannendste Funktion das Wechseln zwischen drei Hintergrundbildern war (Steine, Gras oder eine Wolke), schleichen sich ebenfalls dazwischen. Ich vergesse alles, als mir bewusst wird, dass wir am Ende der Tour mit einem QR-Code elektronisch bezahlen müssen.

Nach zehn Minuten purer Hölle geht mein Handy einfach wieder an – etwas skeptisch entsperre ich es und erwarte einen erneuten Absturz, aber es scheint zu funktionieren. Ich stecke es in meine Tasche und beschließe, ihm etwas Ruhe zu geben, schaue aber sicherheitshalber alle 30 Sekunden nach, ob es noch an ist.

Als wir den Ausstellungsteil hinter uns lassen, vergesse ich aber tatsächlich für kurze Zeit mein Dilemma mit der Technik. Vor uns liegen drei wunderschöne Salzseen, zwei Kappellen und unzählige Kunstwerke, die ausschließlich aus Salz gefertigt wurden. Sogar die Kronleuchter hier sind aus Salz. Hier erkennt man, warum das Bergwerk so berühmt ist: alles ist von außergewöhnlicher Schönheit, und viel zu schnell werden wir von einer atemberaubender Kammer zur nächsten gejagt.

Am Ende der Tour geht mein Handy immer noch, und ich kann den QR-Code vorzeigen. Völlig erleichtert brabbele ich bei der Abbuchung vor mich hin wie mein Handy fast nicht mehr funktioniert hätte, was die abrechnende Dame herzlich wenig interessiert. Bisher sind keine weiteren Probleme aufgetreten, aber ich bleibe ein wenig vorsichtig.

Ich kann es nicht leugnen: Das Smartphone ist ein essenzieller Bestandteil der modernen Reiseplanung geworden. Es ist meine Fahrkarte, mein Reiseführer, meine Karte – allein schon um Platz zu sparen verlasse ich mich oft auf mein technisches Equipment. Ich habe noch einen richtigen Kompass dabei und bin ganz am Anfang auch noch mit Karte gewandert, aber inzwischen ist es irgendwie überflüssig geworden, einen Atlas mitzuschleppen. Und eigentlich ist es ja auch nicht schlimm, moderne Technik zu benutzen, oder? Letztendlich geht es nur darum auch zu wissen, wann man es mal ausschalten kann.

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