Unaussprechlich

An alle die diesen Blog wirklich abonniert haben: Entschuldigt bitte, dass ich es nicht hinkriege regelmäßig zu posten. Manchmal habe ich einfach keine Zeit, manchmal auch einfach keine Lust (ich weiß, ich weiß, aber immerhin bin ich ehrlich, oder?). Warum ich aber jetzt schon wieder so lange nichts hochgeladen habe, hat einen anderen Grund: Ich will diesen Artikel hier ganz einfach nicht schreiben.

Ich bin also in Krakau, und wer sich geographisch etwas auskennt weiß vielleicht, was nicht weit entfernt liegt: Das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Schon allein wegen meiner Nationalität habe ich das Gefühl, das KZ besuchen zu müssen. Als ich in der zehnten Klasse war, haben wir das KZ Natzweiler-Struthof im französischen Elsass besucht, und das war schon eingängig. Aber egal wen man fragt, Auschwitz soll kein Vergleich sein.

Das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau war das größte deutsche Vernichtungslager. Der Name „Auschwitz“ ist heute Symbol für die unzähligen Verbrechen, die von den Nazis begangen wurden, und wird oft zusammenfassend für die Konzentrationslager Auschwitz I, Auschwitz II und das drei Kilometer entfernte Auschwitz-Birkenau verwendet. An diesen Orten wurden über 1,1 Millionen Menschen getötet.

Da von den beiden großen Konzentrationslagern noch weite Teile erhalten sind, sind diese heutzutage als Museumskomplexe zugänglich. Man kann zwar auch selbst dorthin gehen, aber ich halte es für sinnvoller, direkt eine Tour zu buchen. Während wir mit einem Kleinbus von Krakau nach Auschwitz I fahren, wird uns ein Film über die Geschichte des Nationalsozialismus und die Rolle von Auschwitz darin gezeigt. Vor allem der Bericht über Josef Mengele, den sogenannten „Todesengel“, dreht mir den Magen um. Als Lagerarzt hatte er für seine Forschungen teilweise grausame Experimente durchgeführt. Beispielsweise hatte er bei einer Wasserkrebs-Epidemie in einem der Lager angefangen, gesunde Kinder zu infizieren um den Verlauf zu beobachten. Es handelt sich dabei um eine Infektionskrankheit, bei der zuerst eine Wasserschwellung an der Wange entsteht, bis es zur Verfaulung des Mundes und der Wange mit Löchern in der Gesichtshaut kommt, bis schließlich eine Blutvergiftung zum Tod führt.

Bei der Führung besichtigen wir mehrere der ehemaligen Baracken, die inzwischen als Ausstellungshäuser zu unterschiedlichen Themen hergerichtet wurden. Mit jedem Haus habe ich das Gefühl, die Temperatur sinkt. Im ersten sehen wir die menschenverachtenden „Lebens-„bedingungen der Bewohner, im nächsten hängen die Flure voll mit Portraits der ehemaligen Gefangenen. Im berühmten Block 11, auch „Todesblock“ genannt, wird uns erklärt, wie die Häftlinge gefoltert wurden, anschließend gehen wir zu einer Baracke in der die Habseligkeiten aufbewahrt werden, die den Gefangenen bei ihrer Ankunft abgenommen wurden. Abgesehen von den Schritten der Besucher ist es still, als wir an einem meterlangen Schaufenster vorbeilaufen, hinter dem tonnenweise abrasierte Haare liegen.

Auf der Heimfahrt denke ich noch lange über den Besuch im KZ nach. Ich fühle mich seltsam… entrückt. Uns wurde vor der Tour gesagt, dass viele Besucher nach ihrer Zeit dort erstmal nichts essen können, und auch ich bin am Abend mit einem Kaffee vorerst bedient.

Der Grund, warum ich aber erst jetzt über meinen Besuch in Auschwitz schreibe, ist aber nur teilweise die eindringliche Atmosphäre des ehemaligen Konzentrationslagers geschuldet: es sind die Besucher. Ich habe lange überlegt wie ich es beschreiben soll, aber ich fand das Verhalten vieler einfach… unpassend. Muss man wirklich ständig grinsend Selfies vor dem „Arbeit macht frei“- Tor oder der Gaskammer knipsen? Zumindest der genervte Tonfall unseres Tourguides erklärt sich mir, als er immer wieder von einer Dame unterbrochen wird, die während seines Vortrags Sprachnachrichten aufnimmt. Ich will wirklich nicht respektlos klingen, aber es hat sich teilweise wie eine schräge Satire angefühlt: an so einem Ort zu sein, an dem wirklich unaussprechlich schreckliche Dinge passiert sind, und die Besucher verhalten sich als wären sie auf einem Kindergartenausflug.

Auch wenn sich der Tag stellenweise angefühlt hat, als wäre ich im falschen Film: ich glaube, dieser Besuch wird zumindest mich noch lange verfolgen. Die scheinbar endlosen Felder voller Baracken. Die schwarz-weißen Bilder der Rampe, auf der die Neuankömmlinge sortiert wurden. Das einzelne Paar Kinderschuhe, zurückgelassen vor so langer Zeit von jemandem, der den Tod nicht verdiente.

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