Warum ich nicht Lehrerin geworden bin

Ich habe jetzt schon ein paar Mal darüber geschrieben, wie ich etwas Verrücktes getan habe, und es tatsächlich funktioniert hat. Das ist aber nicht immer der Fall, selbstverständlich nicht. Ganz ehrlich, es wäre schon etwas gruselig, wenn alles was ich anfange einfach so funktioniert, oder? Wenn das der Fall wäre, wäre ich als Kind wahrscheinlich nicht so oft von irgendwelchen Bäumen gefallen, sondern hätte es tatsächlich geschafft zu fliegen wie meine geliebten Superhelden aus den alten Comics meines Vaters. Aber der interessante Teil kommt immer erst hinterher: nämlich wie man auf das Versagen reagiert.

Schon als ich noch zur Schule gegangen bin, habe ich immer wieder mit dem Gedanken gespielt, für eine Zeit lang zu unterrichten. Natürlich wollte ich nie auf Dauer Lehrerin werden (ich meine, ich bin nicht lebensmüde? Ich habe größten Respekt vor allen, die sich das freiwillig antun, aber für mich wäre das nichts). Auch wenn ich mich im Unterricht oft nicht mal getraut habe die Hand zu heben, wollte ich immer mit einer Organisation im Ausland Kinder in Entwicklungsländern unterrichten. Da helfen, wo Hilfe auch wirklich gebraucht wird.

Wer im Internet mal nach solchen Organisationen sucht, findet man schnell heraus, dass man für seine Hilfe auch noch tief in die Tasche greifen muss. Die meisten verlangen irrsinnig hohe Vermittlungsgebühren im vierstelligen Bereich, bevor man überhaupt auch nur ein Klassenzimmer betreten darf. Die Anreise darf man natürlich trotzdem selber zahlen, Flüge sind immerhin teuer. Gut zu wissen, dass man für seine Hilfsbereitschaft auch noch bezahlen soll. Jedenfalls wurde mir spätestens da klar, dass es für mich ziemlich unmöglich werden würde, Kinder zu unterrichten – zumindest auf diesem Weg.

Dieser Traum hat mich nie wirklich verlassen. Logisch, dass ich ziemlich aufgeregt war, als ich vor ein paar Wochen die Werbung eines Unternehmens sah, dass einem anbietet, auch ohne Lehrerfahrung in einem ihrer Sprachprogramme Englisch zu unterrichten. Das Ganze ging jeweils nur ein paar Wochen, die Unterkunft wurde gestellt und vor allem gab es keine hohen Vermittlungsgebühren. Die einzige Voraussetzung: man muss Englisch als Muttersprache sprechen.

Man kann es drehen und wenden wie man will, aber ich bin beim besten Willen keine englische Muttersprachlerin. Mein Englisch ist ziemlich gut, ich habe sogar ein Cambridge Certificate, aber aufgewachsen bin ich nun Mal Deutsch. Ein paar Tage lang trage ich die Werbung mit mir herum und überlege in Gedanken ständig, ob es nicht eine Möglichkeit gibt, trotzdem in das Programm zu kommen. Schlussendlich formuliere ich eines Abends eine Bewerbung. Die Kernaussage des Textes: „Ich bin zwar absolut nicht die Person die Sie suchen, aber wenn Sie mir eine Chance geben, werde ich Sie nicht enttäuschen.“

Wenn ich ehrlich bin, erwarte ich nicht viel. Als ob sich wirklich jemand bei mir meldet, immerhin erfülle nicht Mal ich nicht die einzige Anforderung, die gestellt wurde. Umso überraschter bin ich, als ich zwei Tage später tatsächlich zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen werde.

Wir führen das Gespräch am Telefon, und gleich am Anfang wird mir erklärt, dass alles aufgezeichnet und später nochmals analysiert wird. Ich bin wahnsinnig nervös während die Frau am anderen Ende der Leitung Fragen über meinen Hintergrund und meine Motivation stellt. Normallerweise bin ich ziemlich gut in Englisch, aber in diesem Moment denke ich krampfhaft über meine Wortwahl nach. Erschwert wird das ganze Gespräch noch zusätzlich, weil die Verbindung sehr schlecht ist und mich selbst sprechen höre. Habt ihr eine Ahnung wie schwer es ist sich zu konzentrieren, wenn man hört was man vor drei Sekunden gesagt hat? Mich überkommt der Impuls, mich irgendwo zu vergraben, als ich ziemlich umständlich die Frage beantworte, wie ich auf einen Schüler reagieren würde, der nicht am Unterricht teilnehmen will.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich es ordentlich versemmelt habe, als ich am nächsten Tag die Zusage bekomme. Ich bin zwar nicht in einem englischsprachigen Land geboren, aber meine Englischkenntnisse sind anscheinend gut genug und sie wollen mir eine Chance geben. Vor Freude springe ich an diesem Tag mehr durch die Gegend und versuche, so schnell wie möglich alle geforderten Unterlagen zu organisieren: Eine Kopie des Personalausweises, ein polizeiliches Führungszeugnis, ein Referenzschreiben von einem ehemaligen Arbeitgeber, ein Versicherungsnachweis.

Mein Programm soll Anfang März im Süden Polens starten. Eine Gruppe aus Freiwilligen wie mir soll Jugendliche von 11-17 Jahren unterrichten und sie vor allem durch Konversation an die englische Sprache gewöhnen. Während ich auf meine Dokumente warte, übe ich so oft wie möglich meine Aussprache und Grammatik. Bis ich schließlich die Mail bekomme: Ich bin doch abgelehnt worden.

In der entschuldigend formulierten Mail steht, dass ich zwar qualifiziert genug bin, ihr System mich aber einfach nicht aufnehmen kann. Der Grund dafür ist mein Herkunftsland, denn solange ich keinen Pass aus einem englischsprachigen Land vorweisen kann, kann ich nicht mitmachen.

Mein Herz wird schwer. Im ersten Moment bin ich wahnsinnig enttäuscht, als ich meinen Traum vor mir in Trümmern sehe. Mir steigen die Tränen in die Augen. Ich hatte mich so gefreut! Was habe ich falsch gemacht? Dann kommt die Wut: Was ist das überhaupt für ein blödes System?! Was bilden die sich ein, dass ich nicht gut genug für sie bin???

Ich bin kurz davor, eine überspitzte Antwort zu schreiben, als ich einen Schritt zurück trete und über die Situation nachdenke. Der Schlüssel steht in der Mail: Ich bin durchaus qualifiziert genug, es geht einzig und allein um meinen Ausweis – anders gesagt, es liegt nicht an meiner Fähigkeit, sondern an etwas, dass ich nicht ändern kann. Ich beruhige mich wieder und tippe dann meine Antwort: „Es tut mir Leid das zu hören, aber ich verstehe Ihr System. Ich wünsche Ihnen trotzdem alles Gute mit Ihrem Projekt.“

Letztendlich bin ich also nicht Lehrerin geworden. Sehr schade, aber ich bin stolz darauf, überhaupt so weit gekommen zu sein. Man schafft nicht immer alles, egal wie sehr man es möchte und wie viel Mühe man sich gibt. Es liegt nicht immer unbedingt an einem selbst, manchmal soll etwas einfach nicht sein. Und wisst ihr was? Das Leben geht trotzdem weiter. Ich werde Anfang März einfach etwas anderes machen, und irgendwann schaffe ich es schon noch, zu unterrichten. Wahre Superkraft ist eben nicht, dass man fliegen kann, sondern das man wieder aufsteht wenn es mal nicht klappt.

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