Die Geschichte mit Alex und Javier

Alles begann mit einem geteilten Joghurt, dann war da der Diebstahl, dann kam der Typ mit der Ukulele und ehe ich mich versehe bin ich Teil eines YouTube-Videos. Aber vielleicht fange ich am Besten ganz von vorne an.

Mein Hostel in Krakau macht seinem Namen alle Ehre. Inzwischen bin ich davon überzeugt, dass das „Cat Hostel“ so heißt, weil die Zimmer furchtbar nach Katzenurin riechen. Abgesehen davon kann man die Zimmer nicht abschließen und es gibt keine Schließfächer für Wertsachen. Das kann ich dem Mann hinter dem Tresen aber nicht erklären, denn hier spricht keiner Englisch. Naja, dafür ist das Hostel günstig.

Ich sitze am Abend noch in der Küche (oder im Aufenthaltsraum? Oder im Eingangsbereich? Ich bin mir nicht sicher, es ist alles dasselbe Zimmer) und schreibe. Das ich dabei direkt vor dem mit Gaffa-Tape geklebten Kühlschrank sitze ist egal, denn er funktioniert sowieso nicht. Kurz nachdem der Herr hinter dem Tresen eingeschlafen ist und leise anfängt zu schnarchen, kommt ein junger Mann zur Tür herein. Er setzt sich an den zweiten Plastiktisch und holt ebenfalls seinen Laptop heraus um zu arbeiten, und irgendwie kommen wir ins Gespräch. So lerne ich Alex kennen, einen Zahnarzt, Tänzer und YouTuber aus Griechenland mit dem breitesten Grinsen Europas. Er produziert Reiseberichte, in denen er versucht einen Ort für unter 100€ zu besuchen. Dieses Mal hat es ihn nach Krakau verschlagen.

Tagsüber bin ich Gott sei Dank nicht im Hostel, und als ich nach dem vielen Laufen endlich nach Hause komme, freue ich mich auf eine heiße Dusche und einen ruhigen Abend. Im Badezimmer muss ich dann feststellen, dass wir kein warmes Wasser haben – heute morgen ist der Boiler kaputt gegangen. Nach etwas Überlegen wasche ich mir die Haare mit eiskaltem Wasser und muss unwillkürlich an die Menschen denken, die beim Untergang der Titanic im Nordatlantik ertrunken sind. Auf eine richtige Dusche verzichte ich, ich wollte den Trip nach Krakau eigentlich schon überleben.

Ich bin wieder im Mehrfunktionen-Vorzimmer (ich habe beschlossen, es so zu nennen), als Alex sich zu mir an den Tisch setzt und mich nach dem Wasser fragt. Ich muss lachen und frage, ob er auch versucht hat zu duschen. Er schüttelt nur leicht verzweifelt den Kopf, dann schlägt er vor, etwas über AirBnB zu buchen. Bei einem geteilten Becher Joghurt einigen wir uns darauf, den nächsten Morgen abzuwarten.

Am folgenden Tag sitze ich gerade in einem Café, als Alex sich plötzlich grinsend zu mir an den Tisch setzt. Nachdem er sich ebenfalls einen Kaffee bestellt hat erzählt er mir, er habe eine Wohnung in der Altstadt gemietet – inklusive Badewanne und heißem Wasser. Ich bin sofort neidisch, denn der Boiler im Hostel ist immer noch nicht repariert. Alex bietet mir an, bei ihm zu übernachten und zu duschen, immerhin gäbe es in seiner Wohnung noch ein Sofa. Mehr als dankbar nehme ich an und wir machen uns auf den Weg zurück zum Hostel, um unsere Sachen zu holen.

Ich habe schnell gepackt, aber der neue Gast im Mehrbettzimmer spricht mich an und fragt, ob mein Bett etwas bequemer wäre. Bei seinem sind drei Streben im Lattenrost gebrochen. Ich biete ihm meinen Schlafplatz an und wir kommen ins Gespräch. Javier kommt urspünglich aus Argentinien und studiert gerade Maschinenbau. Noch dazu spricht er verdammt gut Deutsch – ich bin beeindruckt. Während wir uns unterhalten betritt Alex das Zimmer und sieht uns ungläubig an: „I got robbed!“

Was dann beginnt ist die langwierige Warterei auf den Besitzer des Hostels, um anschließend zur Polizei zu gehen. Die ganze Zeit über reden Javier und ich in unserem Zimmer, während Alex erstaunlich ruhig bleibt. Ich glaube, ich bin mehr mitgenommen als er. Irgendwann holt Javier seine Ukkulele aus dem Schrank und spielt ein erstaunlich gutes Cover von „City of Stars“ aus dem Film „La La Land“. Die Situation ist irgendwie sehr surreal, aber als ich in Alex‘ Wohnung endlich duschen kann und in einem richtigen Bett schlafe (Alex hat entgegen meiner Proteste mir das Bett überlassen) ist die Welt ein klein bisschen besser.

Der nächste Tag ist für uns auch gleichzeitig der letzte. Morgens muss Alex noch einmal zur Polizei, und gegen Mittag treffen wir uns in der Stadt. Auf seinem gestohlenen Laptop waren die ersten Videos von Krakau, weshalb er jetzt ziemlich unter Zeitdruck steht um alles noch einmal neu zu filmen. Ich darf ihn bei dieser Aufgabe begleiten und merke, dass diese Reise für ihn kein wirklicher Urlaub ist, sondern Arbeit. Der Traumberuf YouTube-Star sieht in Realität leider nicht so locker-flockig aus und erfordert eine Menge Arbeit, Zeit und Talent. Zumindest von Letzterem hat Alex genug, was man ihm auch sofort anmerkt. Durch den Diebstahl muss er auch die gesamte Struktur seines Videos überdenken, und ehe ich es mich versehe, werde ich Teil des Ganzen. Wie es aussieht wird der Anfang so aussehen: Man sieht ein Bett, und plötzlich setzen sich Alex und ich auf, als hätten wir nebeneinander geschlafen, woraufhin er sagt: „Okay, ich denke, ich muss da was erklären…“ Gerüchteküche anheizen: Check!

Abends machen wir uns alle drei auf ins jüdische Viertel, um etwas zu essen. Javier hatte von einem günstigen Ort gehört, und das Baguette in der Länge meines Unterarms ist seine zehn Zloty wirklich wert (ich werde die Preise in Polen vermissen…). Währendessen unterhalten wir uns über unsere Reisen, welche Apps wir benutzen und was wir noch erleben wollen. Spätestens in diesem Moment verliebe ich mich in die ganze Geschichte, und ich wünschte, der Abend würde länger dauern. Leider muss ich um 22:00 Uhr am Bahnhof sein, und die Verabschiedung von Krakau fällt mir leichter als die von den beiden Jungs, die mir in den letzten Tagen sehr ans Herz gewachsen sind. Ich hoffe wirklich, dass ich die beiden irgendwann Mal wieder sehe. Wenn ich an Krakau denke, muss ich ein furchtbares Hostel, eiskaltes Wasser, Joghurt, Videos und Ukkulelen denken, und an Alex und Javier.

 

PS: Mein Handy ist inzwischen wirklich kaputt gegangen, und dummerweise habe ich alle Kontakte verloren… Schreibt mir bitte eine Nachricht mit eurem Namen auf Whatsapp!

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