Open For Business, Closed For Lunch

„Ich möchte offiziell bekannt geben, dass ich keine Ahnung habe, was ich eigentlich tue.“ Dieser Gedanke geht mir durch den Kopf, als ich ungeduscht und nach nur drei Stunden Schlaf durch Prag laufe. Ich bin heute Morgen um halb fünf angekommen und habe mich in einem Fastfood-Restaurant bei einem Joghurt aufgewärmt (ja, sie verkaufen Joghurt. Ich war genauso überrascht), bis mein Hostel aufgemacht hat und ich meinen Rucksack abstellen konnte. Jetzt bin ich auf dem Weg auf die andere Seite der Stadt zu einem kleinen Theater, weil ich mal wieder eine sehr verrückte Mail geschrieben habe, dieses Mal an eine echte Burlesque-Tänzerin. Ich weiß auch nicht, wann mein Leben aufgehört hat, Sinn zu machen, aber es ist eigentlich ganz schön hier Abseits des Weges.

Bevor ich nach Prag gekommen bin, war Burlesque für mich nur eines: wie Strippen, nur mit mehr Tanz. Ich hatte mich zwar nie wirklich damit beschäftigt, aber dafür den Film mit Christina Aguilera gesehen. Also, was ist so toll daran sich vor einer Horde Männer auszuziehen und ein bisschen mit dem Hintern zu wackeln? Frauen sind immerhin mehr als Objekte, aber Burlesque scheint nur die sexuelle Seite zu zeigen.

Kein Wunder also, dass ich aufmerksam werde, als ich im Internet die Beschreibung einer Dame finde, die wirklich Burlesque tanzt. Sie spricht davon, auf der Bühne einen Raum zu schaffen, in dem sie sich mit ihrer Femininität und ihrem inneren Selbst verbinden kann und sich frei fühlt. Kein Wort übers Ausziehen. Kein Wort über Strippen. Ich bin neugierig. Kurz darauf habe sie schon kontaktiert, und innerhalb kurzer Zeit haben wir einen Termin ausgemacht: Sie will mir zeigen, wovon sie geredet hat.

Als ich das kleine Studio endlich gefunden habe, bin ich entsprechend nervös. Drinnen werde ich schon von Des erwartet: die junge Dame begrüßt mich, als würden wir uns schon ewig kennen und zieht dann die Vorhänge zu, damit wir mehr Privatsphäre haben. Neben ihr wirke ich noch unsicherer, denn sie strahlt von oben bis unten Selbstbewusstsein aus. Nicht im Sinne von Arroganz, sondern im Sinne von Bewusstsein ihrer Selbst.

Wir sitzen in viel zu großen schwarzen Sesseln und unterhalten uns über Burlesque. Des fragt mich, was ich darüber weiß, und etwas peinlich berührt erzähle ich ihr von dem Film mit Christina Aguilera. Anscheinend ist meine Antwort aber keine ungewöhnliche, denn Des nickt verständnisvoll und reicht mir Stift und Papier. Sie weist mich an, drei Rollen aufzuschreiben, die ich in meinem normalen Alltag übernehme, und dann jeder Rolle drei Eigenschaften zuordne, die von den Menschen in meinem Umfeld von mir verlangt werden. Ich entscheide mich für „Freundin“, „Tochter“ und „Schülerin/Arbeitskollegin“. Anschließend gehen wir jede Eigenschaft zusammen durch und reden darüber, wie ich mich damit fühle. Es stellt sich heraus, dass viele der Eigenschaften mehr wie Anforderungen sind, die mich unter Druck setzten. Des stellt die entscheidende Frage: „Willst du so gesehen werden?“ Ohne groß darüber nachzudenken, schüttele ich den Kopf. Grinsend holt sie ein Feuerzeug hervor: „Dann musst du das hier auch nicht.“

Nachdem meine drei Rollen zu Asche zerfallen sind, beginnen wir mit der Arbeit. Zuerst laufen wir durch den Raum, und Des sagt immer ein Gefühl und ein Level an. Wenn sie z.B. „Wut Level 4“ sagt, müssen wir so wütend wie möglich durch die Gegend stapfen, bei „Liebe Level 2“ etwas verliebt herumschlendern, aber noch mit Luft nach oben. Egal welches Gefühl sie ansagt, im großen Wandspiegel sehe ich, dass ich vor allem eines ausstrahle: Unsicherheit.

Als nächstes überreicht Des mir eine Tüte mit Federn, aus denen ich mir zwei aussuchen darf. Ich soll die Augen schließen und mir damit über die Haut fahren, um herauszufinden was sich gut anfühlt, und an welchen Stellen ich unsicher bin. Des erklärt mir, dass gerade für Frauen Sexualität oft ein schwieriges Thema ist. Seinen eigenen Körper kennenzulernen und dieses gute Gefühl zu spüren wird oft mit Unanständigkeit verbunden und so zu etwas Negativem gemacht.

Nach dem Dehnen geht es richtig los und Des zeigt mir Übungen und Bewegungen aus dem Burlesque. Vor allem die großen Bewegungen, die viel Platz einnehmen, sind mir unangenehm, wie beispielsweise große Kreise mit den Armen zu beschreiben. Für jede Übung hat Des einen eigenen und witzigen Namen. „Ich nenne diesen hier: Open for business -„, abrupt geht sie breitbeinig in die Hocke, nur um dann spielerisch die Beine zu schließen und sich lasziv wieder aufzurichten „- closed for lunch.“ Ich muss lachen und fühle mich immer wohler.

Der Höhepunkt des Tages findet sich, als wir beide eine eigene Choreographie ausarbeiten. Ich wünsche mir eine sexy Nummer, weil ich davor am meisten Angst habe, und Des stimmt begeistert zu. Nach und nach konzipieren wir einen Tanz voller Hüfte, Handschuhen und Haarschwung. Ich habe wahnsinnig viel Spaß und verliere nach und nach sogar die Angst davor, auf der Bühne zu stehen. Am Ende des Tages verlasse ich das Studio viel schwungvoller, als ich es betreten habe.

Einen Tipp gibt mir Des noch: Heute Abend findet eine Burlesque-Show statt, und auch wenn sie selbst nicht auftritt, legt sie mir ans Herz dorthin zu gehen. So finde ich mich wenig später im Keller eines Prager Nachtclubs wieder und sehe die allererste Burlesque-Show meines Lebens. Was mir als erstes auffällt, sind die Körpertypen der Frauen auf der Bühne. Irgendwie hatte ich schlanke Model-Mädchen erwartet, aber vor mir tanzen Frauen in allen Maßen mit so einem Selbstbewusstsein und einer Freude, dass ich sprachlos bin.

Als ich nachts leicht frierend durch Prag laufe, muss ich Des Recht geben: Burlesque ist mehr als Strippen, es ist eine Kunstform. Vielleicht ziehen die Frauen auf der Bühne sich aus, aber es hat weniger mit Sexappeal zu tun als damit, sich wohl in seinem Körper zu fühlen.

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