Wen die Muse küsst

Lügen darf man ja eigentlich nicht. Schuldig fühle ich mich trotzdem nicht, als ich in der Mail behaupte, Studentin aus Freiburg zu sein, die bald ein Erasmus in Prag macht. Der Zweck heiligt die Mittel, oder etwa nicht? Und ich will wirklich, wirklich gerne ein Teil der Schreibwerkstatt Prags sein – das diese nur für Studenten offen ist, hält mich da auch nicht auf.

Als ich ein paar Tage später auf dem Weg zu der kleinen Dachgeschosswohnung bin, habe ich vor allem eine Frage im Sinn: Wie schreibt man ein Buch? Oder besser gesagt: Wie wird eine Idee zu einem ausgearbeiteten Projekt? Ich selbst schreibe sehr gerne, aber was mir schwer fällt ist an einem Projekt dranzubleiben (ganz was Neues für alle, die monatelang auf den nächsten Blogbeitrag von mir warten…). Wie schaffen es diese Studenten, neben dem stressigen Studienalltag noch auf das erste Buch hinzuarbeiten? Ich fühle mich ein bisschen wie ein Spion auf geheimer Mission und singe im Kopf meinen Lieblings-James-Bond-Titelsong (Daaa Daaaaa Live and Let Die…).

Obwohl ich eine halbe Stunde zu früh ankomme, bin ich die Letzte. Alle anderen tippen bereits auf ihren Laptops, blättern franatisch in Notitzbüchern und kochen kannenweise Kaffee. Mir wird ein Stuhl zugeschoben, ich setzte mich etwas peinlich berührt in das Chaos. Nachdem alle sich mehr oder weniger an dem großen Holztisch eingefunden haben, werde ich dann doch noch nach meinem Namen gefragt. Ich bringe meine Coverstory von der Studentin ziemlich gut rüber, bis mich jemand fragt was ich eigentlich studiere. Ich denke an Journalismus oder Physik, irgendwas Cooles und Beeindruckendes. Dann öffne ich den Mund: „Äh…Geologie.“ Noch im selben Moment könnte ich mich ohrfeigen. Jemand fragt etwas ungläubig: „Geologie?“ Ich nicke und versuche mich irgendwie zu retten: „Ja… Ich mag äh… Steine.“ Super gemacht, Agent Null-Null-Idiot mit der Lizenz zum Flöten.

Glücklicherweise fragt niemand weiter nach und wir fangen an. Der Reihe nach stellt jeder vor, was er in der letzten Woche geschrieben hat, während die anderen Stil, Grammatik und Logik bewerten. Jeder hier arbeitet an einem eigenen Projekt, und die Bandbreite reicht von Finanzthriller bis zu High-Fantasy. Wie sich zeigt ist es manchmal einfacher Fehler zu erkennen, wenn jemand mit einem unvoreingenommenen Blickwinkel einen darauf hinweist. Manchmal ist es einfach nur ein falsches Satzzeichen, ein anderes Mal ein Logikfehler der theoretisch das ganze Buch ungläubig machen würde („Das Riesenfaultier starb erst während der Weichsel-Kaltzeit aus und nicht während der Saale-Kaltzeit. Weiß doch jeder das diese Art erst gegen Ende des Pleistozäns verschwand!“). Trotzdem wird hier vor allem eines gemacht: Ermutigt. Die Studenten unterstützen sich gegenseitig in ihrer Leidenschaft, denn so schwer es auch ist ein Buch zu schreiben, mit einem Buch erfolgreich zu sein ist eine ganz andere Geschichte.

Fast vier Stunden später ist das wöchentliche Treffen beendet. Ich bin ziemlich müde und entscheide mich, mit ein paar anderen aus der Gruppe eine U-Bahn zu nehmen. Während der Fahrt frage ich nochmal nach: „Ist es nicht entmutigend, wenn man trotz der ganzen Arbeit nie veröffentlicht wird?“ Mein Gegenüber zuckt nur mit den Schultern: „Ich denke keiner von uns glaubt, das er der nächste Stephen King wird. Wir schreiben weil es uns Spaß macht, nicht um berühmt zu werden. Klar wäre das auch cool… Wahrscheinlich ist es am Besten, mit der Ambition zu schreiben, veröffentlicht zu werden, aber nicht davon auszugehen, dass das auch wirklich passiert.“

Am Ende habe ich also nicht das Geheimnis gelüftet, wie man ein erfolgreicher Autor wird und Buchprojekte nicht nur anfängt, sondern auch abschließt. Trotzdem habe ich an diesem Nachmittag etwas gelernt: Es ist wichtiger zu lieben was man tut, als damit erfolgreich zu sein. Und wenn man gute Freunde hat, die einen dabei unterstützen, dann lohnt es sich gleich doppelt.

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