Raise a little hell

Wir treffen uns bei einer Stadtführung in Bratislava. Wie bei vielen anderen Stadtführungen auch werden alle Teilnehmer am Anfang nach ihrem Namen und ihrem Heimatland gefragt, und während wir zur ersten Sehenswürdigkeit laufen, spricht er mich auf Deutsch an. Der US-Amerikaner erklärt mir, er lernt die Sprache, weil er selbst deutsche Wurzeln hat, und ich lasse mich auf das Gespräch ein. Er liest viel und interessiert sich für Philosophie und Politik, und die meiste Zeit werde ich über Deutschland ausgefragt. Unser Gespräch ist so interessant, dass wir nach der Stadtführung noch etwas essen gehen und am Ende unsere Handynummern austauschen.

Ein paar Tage später sehe ich die Nachricht: Er würde sich gerne auf ein Bier treffen. Natürlich sage ich ja, und bereits am nächsten Abend treffen wir uns in der Stadt. Wir gehen in die erste Bar. Er lacht während ich über den Schnarcher im Hostel rede. Ich trete ihn leicht, als er sich über mein Kirschbier lustig macht und behauptet, Craftbier wäre kein richtiges Bier. In der nächsten Bar bestelle ich mir beinahe aus Protest ein Glas Cider, und er fragt mich, was ich nach meiner Reise machen möchte. Ich leiere meine Standartantwort über Studium und Job herunter, fühle mich aber wohl genug, um zuzugeben, wie viel Druck mir das Ende meiner Reise macht. Diese große Leere macht mir einfach mehr Angst, als ich zugeben möchte. Bis hier hin ist es ein angenehmer Abend, aber seine nächste Frage ändert alles: „Glaubst du, du wärst glücklicher, wenn du einfach heiraten würdest und dich nur noch um Mann und Kinder kümmerst?“

Zuerst mache ich mir keine großen Gedanken und antworte einfach: „Ich denke nicht. Ich mag es zu Arbeiten und finde, eine Frau sollte nicht komplett abhängig von ihrem Mann sein. Ich bin keine Hausfrau.“ Zu meiner großen Überraschung erklärt mein Gegenüber mir, dass mein Unglücklichsein damit zusammenhängt, dass ich als Frau dazu gemacht bin, für Nachwuchs zu sorgen und meinen Mann zu unterstützen. Ich meine, es liegt eher am System, dass es mir erschwert, Familie und Job zu vereinen, aber er schüttelt nur den Kopf: „Es ist kein Fehler im System, es ist ein Fehler in der weiblichen Biologie das sie während und lange nach der Schwangerschaft nicht für die Arbeit geeignet ist.“

Versteht mich nicht falsch, vor mir sitzt kein verrückter Fanatiker der behauptet der Mond sei von Nazis bevölkert. Der Junge glaubt was er mir da erzählt, und er kann mir auch alle seine Ansichten erklären. Seine Theorie zur Frau belegt er zum Beispiel damit, dass in den 50ern viel weniger Frauen Selbstmord begangen hätten als heute. Ich versuche ihm zu erklären, dass man so etwas immer in den entsprechenden Kontext setzen muss. Die Gesellschaft war eine andere in den 50ern, sowie das Frauenbild sich seitdem stark verändert hat. Außerdem rede ich davon, dass das Bewusstsein für mentale Probleme ein ganz anderes war: „Immerhin sprechen wir von einer Zeit, in der man Homosexualität noch für eine Krankheit gehalten hat.“ Seine Antwort: „Das ist nicht falsch, ich glaube Homosexualität ist eine Sünde.“ Das ist der Punkt, an dem die Situation endgültig eskaliert.

Während ich versuche ihm meine Ansicht darzulegen, erklärt er mir völlig gelassen, dass ich für diese in die Hölle komme und redet in einem selbstgefälligen Ton von seinem christlichen Glauben. Ich verliere völlig die Fassung: „Wenn ich in die Hölle komme, weil ich an sexuelle Freiheit und die Gleichberechtigung glaube, dann werde ich sie ertragen bis in alle Ewigkeit und trotzdem nicht die Seite wechseln.“

Nach einer halben Stunde wird klar, dass wir uns nicht mehr einigen werden, und ich gebe ihm zu verstehen, dass es wahrscheinlich unmöglich ist, hier gemeinsamen Boden zu finden. Er nickt und sagt, er würde für mich beten, woraufhin ich meine: „Danke, ich weiß das ist dir wichtig. Ich werde nicht für dich beten, weil ich so etwas nicht mache. Trotzdem alles Gute.“ Ohne sich zu verabschieden springt er auf und verlässt die Bar. Ehe ich mich versehe bin ich alleine mit der Frage, was gerade eben eigentlich genau passiert ist.

Etwa eine Woche später bin ich nachts noch sehr lange in der Stadt, und ein anderer Herr bietet mir an, mich nach Hause zu bringen. Wir hatten uns auf einer Feier kennengelernt und uns über Karriere, Träume und alles dazwischen unterhalten, und weil ich langsam es sehr spät ist willige ich ein. Zudem führt der Weg nach Hause durch Stadtteile die nachts weniger schön sind. Spätestens als wir an einem sehr angetrunkenen Mann vorbeilaufen, der Frauen weniger charmante Dinge zuruft, bin ich froh nicht alleine zu sein. Meine Begleitung entschuldigt sich sogar bei mir für das Verhalten des Mannes. Der junge Mann ist einer der nettesten Menschen die ich seit langem getroffen habe. Und wisst ihr was? Er ist schwul.

Vielleicht komme ich für meinen Glauben (oder besser gesagt meinen Nicht-Glauben) in die Hölle, wenn sie denn existiert. Aber wenn ich nur ein Ticket ins Paradies bekomme, wenn ich Menschen wie meinen Retter von der Feier als „unnormal“ abstemple, dann bleibe ich doch lieber draußen. Und kann der Ort so schlimm sein, an dem alle landen die an Gleichberechtigung und LGBT+ glauben? Am Ende ist die Hölle auch nur das, was man daraus macht.

 

PS: Zum Ende noch ein Witz: Ein Mann stirbt und kommt in die Hölle. Als er sich umsieht, erkennt er überall aber nur glückliche Menschen, die miteinander reden, spazieren gehen und ziemlich zufrieden aussehen. Nur ganz am Rand ist eine riesige Glasscheibe in die Wand eingelassen, auf der anderen Seite Flüsse aus Lava und feuerrote Dämonen, die Seelen quälen. Etwas verwirrt geht der Mann zu Lucifer und fragt ihn danach. Lucifer zuckt nur mit den Schultern: „Das da? Das ist für die Christen, die wollen das so.“

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