Grand Budapest Hostel

Ungarn – wenn ich das schon höre, denke ich an Urlaub, Kultur und die Geschichten, die meine Mutter mir immer als Kind erzählt hat. Geschichten vom Balaton und den besten Pfirsichen der Welt. Geschichten über die Wasserrutsche, die so viel gekostet hat. Geschichten von unfairen Wechselkursen, weil man im Osten nur 1 zu 7 wechselte und im Westen 31 bekam. Geschichten von meiner Oma, die heimlich Unterwäsche auf dem Hotelflur verkaufte. Und von dem T-Shirt, das meine Mutter nie bekommen hat.

Irgendwie klingt Ungarn in ihren Erzählungen immer wie ein außergewöhnlicher Ort. Kein Wunder, dass ich sofort zusage, als ich das Jobangebot aus Budapest bekomme. Wenige Wochen später landet mein Flieger in der Hauptstadt, und ich mache mich auf den Weg zu meinem neuen Arbeitsplatz. Der Weg ist ziemlich lang, aber irgendwie fühle ich mich abenteuerlich. Nicht weit weg vom Zentrum finde ich in einer Seitenstraße schließlich ein kleines goldenes Schild an einem der Eingänge: „Grand Backpackers“.

Durch die schwere Haustür in den Hinterhof, dann die Treppe hoch in den zweiten Stock. Die Stufen sind schon so durchgelaufen, dass der glatt geschliffene Stein sich unter dem Gewicht tausender vergangener Schuhe biegt. Als ich die richtige Tür gefunden habe, suche ich in der Nachricht von Cami nach dem Türcode, darunter die Nachricht „Push!“

Innen werde ich sofort mit einer herzlichen Umarmung von Cami begrüßt: rothaariges Temperament mit dem schönsten Lachen der Welt. Sie zeigt mir das Hostel – Küche, zwei Badezimmer, zwei Schlafsäle, zwei Privatzimmer, der große Gemeinschaftsraum. Dort ist eine riesige Weltkarte an die Wand gemalt, und Cami gibt mir eine Pinnnadel, damit ich meine Heimat markieren kann. Nach kurzem Anpeilen stecke ich sie in den Süden Deutschlands, zwischen hunderte von anderen bunten Pins aus aller Welt.

Nachdem ich mich bei den anderen Freiwilligen vorgestellt und mein Bett in unserem Mitarbeiterraum bezogen habe, mache ich mich auf um die Stadt ein bisschen zu erkunden. Wir sind zur Zeit 4 freiwillige Helfer plus Cami, die hier als Managerin arbeitet. Jeder Tag ist in drei Schichten aufgeteilt, und ich werde erst morgen in der Frühschicht eingearbeitet. Genug Zeit also, sich ein bisschen umzusehen, wo genau ich hier gelandet bin.

Es wird schon langsam dunkel, während ich durch die Straßen Budapests wandere. Von Straßenlaternen in ein warmes Licht getauchte Menschenmassen beleben die Stadt, und irgendwie bekomme ich Heimweh. Ich hatte mir vorgestellt, ein exotisches Abenteuer in Budapest zu erleben, aber jetzt gerade denke ich nur an meine Familie, meine Heimat, die Geschichten meiner Mutter. Mein Herz wird schwer, als ich mich am Ufer der Donau wiederfinde. Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich nahe der Donauquelle groß geworden bin – und auch wenn ich den Fluss schon auf der Karte gesehen habe, fällt es mir etwas schwer den kleinen Brunnen meiner Kindheit als diesen breiten Strom vor mir wiederzuerkennen. Schon seltsam, aber seit langer Zeit voll Unbekanntem ist es die Donau, die mir am Meisten vertraut ist.

Als ich Abends in mein Etagenbett klettere, geht es mir schon besser. Cami und die anderen hatten Abendessen gemacht, ich war irgendwie zu müde zum Feiern und bleibe deshalb hier. Doch auch wenn ich etwas melancholisch bin, bin ich glücklich. „Grand Backpackers“ ist vielleicht nicht das berühmteste oder größte Hostel in Budapest, aber es ist definitiv eines der schönsten. Und in den nächsten Wochen ist es mein Zuhause.

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